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Ein ungewöhnlicher Zustieg zur Rüsselheimer Hütte

Zur Sektionsausfahrt hatte ich mir vorgenommen, in der weiteren Umgebung unserer Hütte einige Touren zu machen. Zuerst war mein Plan, die Siegerlandhütte zu besuchen. Ein Blick in den Kalender belehrte mich aber schnell, dass dies nicht funktionieren kann, wenn ich am Freitagabend auf der Rüsselsheimer Hütte sein will. So entschied ich mich für einen etwas längeren Zustieg aus dem Ötztal. Mit Reiner und seiner Vortruppe die im vorderen Gegenkamm wandern wollte bin ich am 18. September ins Pitztal gefahren. Mit dem Bus gelangen wir wieder nach Imst und weil der Anschlussbus weg ist, müssen wir mit dem Taxi ins Ötztal fahren. Ich lasse mich bis Huben bringen. Von hier steige ich zum Halkogelhaus auf.

Halkogelhaus

Halkogelhaus

Da es schon Nachmittag ist, treffe ich unterwegs niemanden und auch die Hütte sieht verlassen aus. Ich drücke die Türklinke, die Hüttentür springt auf und ich stehe im dunklen Flur. Sofort taucht ein völlig überraschter Hüttenwirt aus der Küche auf. Er hat mit niemanden gerechnet, und da ich mich auf dem unüblichen Weg von Süden "angeschlichen" habe, konnte er mich nicht sehen. Den großen Rucksack stelle ich in den Gastraum. Dann werde ich in die Küche gebeten, da dies der einzige geheizte Raum in der Hütte ist. Es gibt Pellkartoffeln mit Butter und Salz und etwas Käse dazu. Es ist halt Herbst, und es werden keine neuen Lebensmittel mehr auf die Hütte gebracht. In dieser Umgebung schmeckt auch dieses einfache Essen prima, und mit einigen Bieren und Obstlern setzt sich der Abend fort. Abraham Auer, so heißt der Hüttenwirt, ist als Saisonarbeiter schon weit herumgekommen und so entsteht ein angeregtes Gespräch über die politische Situation in der Welt und über Deutschland im allgemeinen und über die Lage im Ötztal und Tirol im besonderen. Im Verlauf des Gespräches fragt er mich, wohin ich weiter will. Als er erfährt, dass ich im Weitenkar zelten will, um dann über das Weißmaurachjoch zur Chemnitzer Hütte zu gelangen, fragt er mich, wie gut ich zu Fuß sei. Nebenbei bemerkt kennt er keine Rüsselsheimer Hütte. Nun ja; es wird noch einige Zeit dauern bis die Umbenennung allgemein bekannt ist. Als ich ihm auf seine Frage antworte, dass wegloses steiles Gelände kein Problem darstellt, gibt er mir einen Tipp für eine "Abkürzung". Er sagt, dass auf diesem "Weg" gewilderte Gämsen ohne lästige Störung durch Jagdaufseher und Förster sich ins Tal bringen lassen und dass er diese Strecke gut kennt. Nachdem er mir noch die notwendigen Beschreibungen gegeben hat, ist es spät genug, und wir gehen zu Bett. Am nächsten Morgen erhalte ich ein großzügiges Frühstück und mit den besten Wünschen versehen mach ich mich auf den Weg.

Ich folge dem Weg zur äußeren Polles-Alm. Hier wendet sich der Pfad abwärts und ich verlasse ihn durch eine Rinne nach oben auf eine Graskuppe. Durch steile Grasschrofen und immer wieder über Schafspfade gelange ich ins Pirchelkar, wo mich eine große Schafsherde blökend begrüßt. Von hier lässt sich der Übergang zwischen Vorderem Ampferkogel und Fotzenkarstange schon sehen. Der Anstieg folgt einer langen Schotterrinne. Unterwegs kann ich über dem Äußeren Pirchelkarferner die Hohe Geige sehen.

Hohe Geige von Osten

Hohe Geige von Osten

Der Blick von Osten zeigt ein für mich völlig ungewohntes Bild. Unterhalb des Überganges treffe ich auf Reste des in der Karte eingezeichneten Gletschers, und ich muss den Eisresten nach rechts ausweichen. Über Platten und große Böcke gelange ich auf ein Band, welches mich direkt in die Scharte auf 2797m leitet. Hier beginnt es wolkig zu werden und einzelne Tropfen verheißen nichts Gutes. Ich kann noch einen Blick auf die schräg gegenüber liegende Scharte erhaschen, welche mein nächstes Ziel ist. Zuerst über einige Meter steile Felsen gelange ich auf großblockiges Gelände im oberen Fotzenkar. Ich versuche mit möglichst wenig Höhenverlust nach Westen zu queren, um dann am gegenüber liegenden Hang, über steile erdige Schrofen, den Übergang zwischen Kuglete Wand und Leger Kogel zu erreichen. Zum Glück ziehen nur lockere Wolken um die Grate und ich kann mich ab und zu orientieren. Der Abstieg ins Weitenkar geht erst über sehr steile Grasschrofen welche schon recht nass und damit unangenehm sind. Sobald ich die unteren Felspartien der Kuglete Wand umgehen kann halte ich mich nach rechts in Richtung Weißmaurachjoch. Bei etwa 2650m treffe ich auf die Wegmarkierungen und beginne mir eine ebene Fläche für mein Zelt zu suchen. Es ist noch recht früh am Nachmittag, doch ich will hier bleiben. Eine moosige Stelle mit einigen Steinen in der Nähe eines kleinen Baches erscheint mir günstig, und ich baue das Zelt auf. Ich bin gerade fertig, da kommt ein junges Pärchen von Weismaurachjoch herunter. Es stellt sich heraus, dass die beiden am Morgen mit den Mountainbikes das Pollestal hinaufgefahren sind, um über das Weißmaurachjoch und den Normalweg auf die Hohe Geige zu gelangen. Jetzt treffe ich sie auf dem Rückweg, und beide sehen etwas angegriffen aus. Hut ab, dagegen ist mein heutiges Tagespensum die reine Rentnertour. Als das Zelt endgültig steht, verschwindet auch der in den letzten Stunden vorherrschende leichte Nieselregen. Ich beginne, mir Nudeln zu kochen. Mit Pesto gibt das ein leckeres Abendessen. Nach einigen Gabeln Nudeln setzt der Nieselregen wieder ein, und ich muss mich fluchtartig ins Zelt zurückziehen. Im Zelt hänge ich noch einige Zeit meinen Gedanken nach, lasse den Tag noch einmal an mir vorüberziehen, um dann einzuschlafen. Ich werde mehrmals von Steinschlag in der Umgebung wach, und im mitgenommen dicken Schlafsack beginne ich zu schwitzen. Beides ist auf die in den letzten Tagen erfolgte erheblich Erwärmung zurückzuführen, welche den vorhergehenden strengen Frost ablöst. Zusätzlich trommeln noch unterschiedlich starke Regenböen auf mein Zelt. Den Steinschlag und das Regengeräusch kann ich ignorieren, und der Schlafsack wird in eine Steppdecke verwandelt. So schlafe ich gut bis zum nächsten Morgen. Da es immer noch regnet und der Weg zur Hütte nur einige Stunden beträgt, lasse ich den Tag mit einem ausgedehnten Frühstück beginnen. Wer will schon aus dem warmen Schlafsack hinaus in dieses nasskalte Wetter. Irgendwann raffe ich mich doch auf und baue in einer kurzen Regenpause das Zelt ab. Ich packe den Rucksack und laufe auf dem gut angelegten und bezeichneten Weg los. Schon nach kurzer Zeit gelange ich in ein Gelände, welches augenscheinlich dauernd in Bewegung ist. Der letzte steile Anstieg zum Weißmaurachjoch führt über einen steilen erdig, losen Hang. Hier ist eine Weganlage oder auch Wegmarkierung nur mit großen Aufwand zu erreichen. Bei jedem Schritt des Anstieges rutsche ich wieder ein Stück nach unten. Durch Treten auf große Steine und Laufen im Schneefeld lässt sich wenigstens etwas Kraft sparen. Ich bin froh, als ich die Stange im Joch erreicht habe. Auf dem gut ausgebauten Weg laufe ich, vorbei am Weißmaurachsee, zur Rüsselsheimer Hütte, wo ich um die Mittagszeit von Florian begrüßt werde. Nach und nach treffen am späten Nachmittag die anderen Mitglieder der Sektion ein, und es folgt ein gemütlicher Hüttenabend.

Nun mögen einige denken: Wie kann man nur eine solche Wanderung allein durchführen? Für mich war es eine neue Erfahrung. Die Eindrücke und das Erleben der Natur waren intensiver. Bei der Wahl des Weges und bei der Bewegung im Gelände ist die Vorsicht doppelt groß. Und es tut einfach gut, für einige Stunden keine fremden Stimmen zu hören und sich nur mit den eigenen Gedanken auseinander zu setzen.

Udo Kaiser