Hochtour zur Wildspitze im Rahmen der Sektionsausfahrt ins Pitztal (2004)
Auf einem Parkplatz in Mittelberg im Pitztal traf man sich und rüstete zum Aufstieg. Die Gruppe von Wolfgang Gurk machte sich bald auf den Weg zur Riffelseehütte, während wir, Peter Trzaskas Team (Andy Müntlein, Pedro Moder, Wolfgang Bormann und ich) noch auf den zweiten Peter (Geiß) warteten. Dieser kam dann auch bald direkt von seinem Urlaub aus Kärnten an. Seit unserer Ankunft hatte es leicht genieselt, und auch auf dem Weg zum Taschach-Haus hörte es nicht auf. Wir machten deshalb auch nur eine kleine Pause, denn es war empfindlich kühl. Gegen 17.30 Uhr kamen wir am Taschach-Haus (2.434m) an und bezogen gleich unsere Lager. Um 18.00 gab es Abendessen, danach gab es noch Smalltalk, und die geplante Tour zur Wildspitze wurde besprochen:
Aufstehen 4.30 Uhr, Frühstück 5.00 Uhr, Abmarsch spätestens um 5.30 Uhr. Also wurde eine (oder mehrere ?) Armbanduhr auf diese Weckzeit programmiert, und wir gingen danach auch bald ins Bett. Mitten in der Nacht fingen andere Gruppen im Haus an zu rumoren, und ich wunderte mich, wo die so früh hinwollten. Kurz nach 5.00 Uhr fragte mich Pedro nach der Uhrzeit und ob wir uns nicht langsam fertig machen wollten. Also fingen auch wir an, Krach zu machen und saßen bald am Frühstückstisch. Hektisches Frühstücken liegt mir gar nicht, aber heute ging es nicht anders, denn wir waren schon etwas spät und Peter drängte. So gegen 5.45 Uhr marschierten wir noch im Dunkeln ab. Für mich eine neue Erfahrung, denn ich war noch nie mit Stirnlampe unterwegs.
Bei wolkenlosem Sternenhimmel liefen wir erst in südlicher Richtung am Urkundkopf entlang, bogen dann nach Osten ab um den Taschachferner zu queren. Hier bewunderten wir die von der aufgehenden Sonne angestrahlten Bergspitzen und stolperten fast über die Bruchteile eines abgestürzten Flugzeuges. Wir stiegen weiter auf der Seitenmoräne Richtung Norden, um am Ende der Moräne den oberen Taschachferner zu betreten. Nach einer kurzen Pause banden wir uns am Rande des Gletschers ins Seil ein. Ich hatte einen hervorragenden zweiten Platz, direkt hinter unserem Tourenführer Peter, der im fast 40 cm hohen Neuschnee Spuren musste. Wir hatten inzwischen die 3.000 m-Marke überschritten und stapften durch diesen herrlichen Neuschnee über den Gletscher, wobei wir ab und zu ein paar „Haken“ schlugen, um Spalten auszuweichen. Ich hatte inzwischen jedes Zeitgefühl verloren, bewunderte die Berge rundherum, als Peter uns wissen ließ, dass wir über den Nordsporn zur Wildspitze steigen werden. Nach kurzer Erklärung wurde der Weg über den Nordgrat angegangen. Es ging weiter in südwestlicher Richtung, unter der Nordwand der Wildspitze entlang, weiter zum Sporn.


Eine erneute kurze Pause, Wasserfassen, einen Riegel in den Mund geschoben - das war die Pause. Kurz darauf mussten wir unsere Steigeisen anlegen. Für mich war es nach meinem alpinen Grundkurs vor 6 Jahren das erste Mal und dementsprechend klappte es nicht auf Anhieb. Mit eiskalten Fingern zurrte ich die Steigeisen so fest es ging, doch nach zwei Schritten verlor ich das linke Eisen. Peter erbarmte sich meiner und half mir beim Festzurren, aber nach zwei weiteren Schritten verlor ich diesmal das rechte Steigeisen. Erneut wurde mir geholfen und so hielten die Eisen bis zum Ende der Tour. Der Anstieg mit den ungewohnten Steigeisen auf dem steilen Grat hatte zur Folge, dass ich meinte, mir würden die Waden platzen, aber sobald ein etwas flacheres Stück kam, ging es mir besser. Wir kamen so ohne Probleme auf dem Nordgipfel an und stiegen nach kurzem Verweilen, mit Vorsicht und gesichert, über den stark überwächteten Grat zum Südgipfel (3.760m) hinüber. Hier war jetzt eine längere Pause angesagt, also Ausbinden aus dem Seil, erneut Wasserfassen und Fitness-Riegel. Wir hatten eine überwältigende Rundumsicht die man nicht beschreiben kann, man muss es selbst gesehen haben. Für den Abstieg wurde die Marschordnung, wie üblich aus Sicherheitsgründen umgedreht. Es steht schon so in der Bibel: „die Ersten werden die Letzten sein“. Also folgten wir jetzt, am Seil verbunden, Pedro steil vom Gipfel hinunter über vereistes Blockwerk Richtung Taschachwand auf dem Gletscher. Hier passierte mir ein kleines Missgeschick: da ich unerfahren mit Steigeisen bin kam ich leicht ins stolpern und riss mir zwei kleine Löcher in meine Hose.


Nach dem ersten steilen Stück änderten wir unsere Richtung nach Nordosten und „wanderten“ über den leicht abfallenden Gletscher. Die Richtung wurde jetzt immer wieder geändert und wir marschierten nach Westen nördlich der Gamsköpfle entlang. Kurz vor der Abbruchzone machten wir eine Pause, die genutzt wurde, ein Gruppenfoto zu machen. Hierbei gab es einiges Gelächter, denn Peter hatte den Fotoapparat seiner Frau dabei und war mit der Bedienung leicht überfordert (kleiner Scherz). Nach der Fotosession wurde die Gletschertour sehr interessant für mich als Gletscherneuling. Es ging im Zick-Zack durch die Abbruchzone und kleine Spalten wurden übersprungen. Hier nahm Peter mich ans kurze Seil, wohl um mich besser unter Kontrolle zu haben. Von meiner Seite gab es einen Ausrutscher, der auch den vor mir eingebundenen Andy flachlegte.
Ohne weitere Vorfälle kamen wir zum Gletscherausstieg und entledigten uns der Steigeisen und des Seils. Nun ging es auf normalen Pfaden zurück zum Taschach-Haus wo wir gegen 16.30 Uhr eintrafen. Die Rucksäcke wurden ins Haus gebracht und wir machten es uns mit einem Getränk auf der Terrasse in der Sonne bequem. Hier traf dann Wolfgangs Gruppe, die den Neuen Offenbacher Höhenweg hinter sich hatte, gegen 17.30 Uhr ein. Wie gestern abend gab es kurz nach 18.00 Uhr Abendessen. Danach saßen wir alle noch zusammen und schwärmten von den Eindrücken der Tour. Für mich war es die erste Hochtour, unvergesslich und voller neuer Eindrücke, vermutlich wird es nicht die Letzte gewesen sein.


Bei weiter anhaltendem herrlichen sonnigen Herbstwetter folgte am Samstag ein gemütlicher Abstieg ins Pitztal und Aufstieg zu unserer Heimathütte, der Rüsselsheimer Hütte. Oben angekommen, wurden wir vom Hüttenwart Dieter Kopp, Walter Jutzler und seiner Frau begrüßt, aßen und tranken eine Kleinigkeit, bevor wir uns den neuen Winterraum als Übernachtungsplatz aufteilten. Anschließend saßen oder lagen wir in der warmen Sonne. Peter konnte uns doch noch motivieren, auf den schönen Aussichtspunkt Gahbinden oberhalb der Hütte zu steigen. In der frühen Abendsonne genossen wir das weite Panorama und den herrlichen Blick zur Wildspitze mit dem Verlauf unseres Anstiegs. Zurück in der Hütte, machten wir uns ausgehfein und speisten vorzüglich zu Abend (Steinbockgulasch). Das gemütliche Ausklingen der Sektionsausfahrt endete erst nach Mitternacht. Für mich war die Sektionsausfahrt ein tolles Erlebnis, nicht nur wegen meiner ersten Hochtour, sondern auch die Abende mit der ganzen Gruppe bleiben mir in guter Erinnerung.
Hans-Josef Weber
