Trecking im Angesicht der Walliser Eisriesen
Neuntägige Bergwanderung mit Rucksack und Zelt

Nach dem heißen und trockenen Sommer, der den noch vorhandenen Alpengletschern stark zu schaffen machte, trugen wir - acht Bergwanderer - es mit Fassung, bei leichtem Neuschnee die erste der acht Tagesetappen entlang des Walliser Alpenhauptkammes in Ost-West-Richtung anzugehen.
Vor zwei Jahren hatten wir das Unternehmen "Wallis-Nordseite" am Simplon Pass begonnen, nun wurde die Fernwanderung vom damaligen Ziel, dem Zinaltal, aus fortgesetzt.
Luise und sieben Begleiter (Franz, Jürgen, Klaus, Kurt, Peter, Udo und Wolfgang) machten sich auf, nach dem Motto "Der Weg ist das Ziel", bepackt mit recht mächtigen Rucksäcken, um in acht Tagen etliche bis zu fast 3000 m hohe Passübergänge zu überschreiten, belohnt mit prächtigen Ausblicken.
Da in den Hochlagen gezeltet wurde und nicht an jedem Tage ein Wirtshaus oder eine bewirtschaftete Hütte von der Route aus erreicht werden konnte, musste der notwendige Proviant für einige Tage mitgetragen werden.

Als wir vom Campingplatz in Zinal starten wollen, regnet es noch und wir können durch die Wolkenschwaden zeitweilig die sich langsam absenkende Schneefallgrenze erkennen. Trotzdem wollen wir unsere Wanderung beginnen, doch nur wenige Meter vom Zeltplatz entfernt, lädt uns ein Wirtshausschild ein, zu einem wärmenden Cappuccino einzukehren.
Nach etwa zwei Stunden in der gemütlichen Gaststube brechen wir dann doch noch auf und draußen überrascht uns trockenes Wetter mit dem Hang zum Aufklaren. Die ersten Höhenmeter genießen wir in der Kabinenbahn, die uns in eine winterlich anmutende Landschaft bei etwa 2.400 m Höhe entlässt.
Noch hängen die Wolken tief, aber am Col de Sorebois (2.836 m) wärmen uns die ersten Sonnenstrahlen, unter uns der unwirklich türkisfarbene Moirystausee, der wegen der starken Gletscherschmelze randvoll ist.
Abstieg zum Stausee, Aufstieg am jenseitigen Hang durch eine weite Almlandschaft. Am kleinen Lac des Autannes finden wir einen "1a"-Zeltplatz mit weichem und ebenem Boden mit prächtiger Sicht auf Dent Blanche, Grand Cornier und Obergabelhorn, die sich im nahen See spiegeln. Die erste Nacht im "Hochlager" ist unerwartet frostig, aber schon beim Frühstück wärmt uns die Sonne.
Wir genießen die Morgenstimmung, doch wir haben einen langen Tag vor uns. Ein schöner Weg führt hinauf zum Col de Torrent (2.916 m).
Leider behindern aufziehende Wolken die gerühmte Aussicht. Dennoch lassen wir uns nicht davon abhalten, einen nahegelegenen Fastdreitausender zu besteigen - obwohl die Sicht auch von hier aus nicht besser ist. Nun haben wir einen langen Abstieg über 1.100 Höhenmeter hinab nach Les Hauderes im Val d'Herens zu bewältigen, eine große Belastung für die Knie und Füße.
Einige Rasten erleichtern die lange Strecke, die in Talnähe durch enge Gassen uralter Bergdörfer führt, mit ihren oft vielstöckigen Häusern aus braunschwarzem Lärchenholz und Dächern, gedeckt mit Steinplatten, ein Genuss für das Auge.
Der Bus bringt uns nach Arolla, wir sind so ziemlich die einzigen Gäste auf dem schön gelegenen Campingplatz, mit Aussicht zur Pigne d'Arolla. Hier wollen wir einen Ausruh- und Akklimatisationstag einlegen. Bei bestem Wetter starten wir zu einer Genusswanderung mit leichtem Tagesgepäck hinauf zu den Hütten von Pra Gra.
Hier genießen wir etliche Stunden lang das Bergpanorama mit Mont Collon und Pigne d'Arolla und zu den Bergen über dem Rhonetal im Norden.

Anderntags steigen wir hinauf zum Pas de Chevres (2.855 m) unter dem Mont Blanc de Cheilon. Auf senkrechten Leitern geht's hinab zur Seitenmoräne des Cheilon-Gletschers und weiter zum riesigen Stausee Lac des Dix, an dessen Ufer wir einen schönen Lagerplatz finden.
Am Morgen ist es uns wegen der spät aufsteigenden Sonne hier zu kalt zum Frühstück, so bewältigen wir das erste Teilstück der neuen Etappe mit knurrendem Magen, kommen aber sehr bald zu einer kleinen Selbstversorgerhütte über dem See, die bereits voll in der Sonne liegt, ein wunderbarer Platz für unser Frühstück mit Wasseranschluss, WC und ausreichend Platz, unsere noch vom Reif nassen Zelte zu trocknen, dazu umgibt uns ein herrliches Bergpanorama.
An diesem sonnigen Tag genießen wir noch die köstlichen Käseomeletts auf der Sonneterasse der neuen Prafleuri-Hütte und steigen danach durch eine leider vom Staudammbau noch hinterlassene Bauwüste, die wohl noch Jahrhunderte brauchen wird, um wieder ansehnlich zu werden. Oben auf dem Col de Prafleuri angekommen, erwartet uns wieder ein "heile" Welt, unberührt von technischen Großprojekten und eine erste Aussicht, die bis zur Mont-Blanc-Gruppe reicht.
Wieder ein schöner Zeltplatz an einem kleinen See in fast 2.700 m Höhe mit schöner Aussicht auf die westlichen Berner Alpen. Am vorletzten Tag trübt sich das Wetter etwas ein, aber es bleibt trocken.

Wir haben am Col de Louvie (2.921 m) das Val de Bagnes, das Ziel unserer Wanderung erreicht.
Unmittelbar gegenüber grüßt der Grand Combin, der westlichste Viertausender des Wallis, mit seinen Eisabstürzen an der Nordseite und dem berüchtigten Korridor, durch den früher der Normalanstieg führte. Einer unserer schönsten Wegabschnitte leitet hinab zum Lac de Louvie, doch etwa 200 Höhenmeter darüber finden wir einen so schönen Platz für unsere Zelte, dass wir spontan uns zum Bleiben entschließen.
Kapitale Steinböcke kommen dicht bis ans Lager und noch eine Überraschung: ein junges Mädchen, allein auf einer Fernwanderung unterwegs, ist plötzlich unter uns. Da wir eine Frau in unserer Gruppe haben, hat sie Mut gefasst, uns zu fragen, ob sie die Nacht hier übernachten kann. So findet sie für die Nacht Platz im geräumigsten Zelt. Abstieg bei Nebel und leichtem Nieselregen.
Im hintersten Val de Bagnes schlagen wir zum letztenmal unsere Zelte auf, und treffen uns frisch geduscht zum Abschlussessen in einem einfachen Cafe - der einzigen Wirtschaft im Ort - doch das Essen schmeckt uns vorzüglich. Am letzten Tag geht's mit dem Bus talaus nach Le Chable und mit dem Bernhardiner Express weiter nach Martigny, von wo aus wir Anschluss mit der Bahn nach Rüsselsheim haben.
Eine harmonische Woche in guter Kameradschaft und mit herrlichen Bergerlebnissen geht zu Ende.
Trotz der Anstrengungen steht zum Schluss die Frage im Raum: Wohin geht's im nächsten Jahr?
Wolgang Gurk