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Mit Rucksack und Zelt vom Simplonpass ins Val de Zinal

Sektionstour unter den Walliser Eisriesen



Was bewegt Bergsteiger dazu, neun Tage lang die Behausung, bestehend aus dünnen, wasserdichten Zeltplanen, dazu Schlafsack, Liegematte und den not-wendigen Proviant für mehrere Tage auf dem Rücken quer über die Alpen zu tragen? Die Antwort hierauf fiel kaum einem Mitglied der neunköpfigen Gruppe am Ende der Streckenwanderung schwer: 24 Stunden am Tag Naturerlebnis pur, Regen, Frost, auch mal Sonnenschein, Morgen- und Abendstimmungen, die man in der Hütte meist verschlafen bzw. beim pünktlich servierten Abendessen ver-passen würde. Dazu ein intensives Gruppenerlebnis beim Aussuchen eines ge-eigneten Lagerplatzes, beim Wasserholen oder beim Kochen der Fertiggerichte und Zubereiten der Getränke. Gelage im Schlafsack am Abend vor den Zelten, Diskutieren oder Austausch von Erfahrungen und Erlebnissen - all dies in einer imposanten alpinen Umgebung, mal bei absoluter Stille, ein andermal in der Nä-he eines donnernden Wasserfalls oder am rauschenden Bach. Regentropfen, die nachts das Zeltdach mit einem mehr oder weniger leisen "dob" oder "dab-dab-dab" oder auch "trrtrrtrrtrrtrr" treffen, verführen zum Wachwerden oder schläfern ein.





Die Teilnehmer: hintere Reihe: Peter, Hartmut, Gerhard, Klaus
vorn: Kurt, Wolfgang, Franz, Luise, Jens
(alle Fotos: W. Gurk)

Nachdem unsere Gruppe bereits auf einer Vorbereitungs-Wochenend-Zelttour durch den südlichen Pfälzer Wald Gepäck, Zelte und den Mitschläfer bzw. die Mitschläferin testete, reisen wir per Bahn ins Rhônetal nach Brig und mit dem Postbus zum Simplonpass, wo unsere Gebirgsdurchquerung an historischem Ort beginnt. Gewaltiges Simplonhospiz - entworfen von Napoleon Bonaparte persönlich, auf dem historischen Stockalperweg zum alten burgähnlichen Spittal, das bereits 1650 vom Kaufmann Kaspar Jodok Stockalper erbaut wurde, ab hier geht's bergwärts auf Pfadspuren zu den Sirwolteseen, wo erstmals genächtigt wird. Nach frostiger Nacht und einer Rettungsaktion - Peters Liegematte wehte der starke Wind in den nahen See - erklimmen wir den ersten hohen Übergang, den Sirwoltepass, dem der noch höhere Simelipass (3022 m) wenig später folgt. Prächtige Aussichten zum Berner Oberland und zur nahen Mischabelgruppe mit den stolzen Viertausendern entschädigen für den anstrengenden Anstieg (bei dem, als es durch labiles Blockwerk geht, so mancher leiser Fluch zu hören ist!). Wenige Hundert Meter unterhalb des Übergangs finden wir in weitem grünem Gelände der Mattwaldalpe einen traumhaft schönen Platz für die Zelte im Angesicht von Dom, Nadelhorn und Balfrin in der Mischabelgruppe.



Unser Platz auf der Mattwaldalpe

Gemütlich - oder beim Herumstromern in der weiten Almlandschaft - lassen wir den Tag ausklingen, der sich mit einer schönen Abendstimmung verabschiedet. Auf Schafspuren geht's am frühen Morgen bergab, bis wir nach einer Über- bzw. Durchquerung eines wilden Gletscherbaches den Saaser Höhenweg erreichen.



Wo geht's hier über den Mattwaldbach?

Diesem folgen wir ein gutes Stück taleinwärts, immer vor uns die großen Berge des Saastales wie Dom, Täschhorn, Alphubel, Allalinhorn, steigen dann steil nach Saas Balen ab, wo wir zur Mittagsrast einkehren und den Proviant ergänzen können. Leider zeigt sich dann der Nachmittag im Einheitsgrau und bei Regen. Unsere Route führt hinauf zum auf der Westseite des Tales verlaufenden Höhenweg, der von Saas Fee nach Grächen ins Mattertal leitet. Leider haben wir nicht das Glück, die prächtige Aussicht zu genießen, der Nebel lenkt den Blick auf zumeist naheliegende Objekte beiderseits des teilweise durch senkrechte Felsabstürze führenden Weges. Eine Gruppe Steingeißen mit ihren kleinen Kitzen beobachtet uns ein paar Meter oberhalb und wundert sich wohl, dass bei dem Wetter noch Leute unterwegs sind. An einem tosenden Bach finden wir ein paar Quadratmeter mit einigermaßen horizontalem Boden, um unsere kleinen Zelte aufstellen zu können.




Rast unter den Gletschern des Balfrin

Der Morgen ist zur allgemeinen Überraschung wolkenlos, klare Luft mit herrlichen Blicken auf die umliegenden Berge. Anstrengender Aufstieg - immer die Eisflanken des Balfrin unter blauem Himmel vor Augen - durch das wilde Seetal zum Seetalhorn. Hier oben schlägt uns die makellose Eispyramide des Weißhorns in ihren Bann. Knieschonend gelangen wir mit der Seilbahn hinunter nach Grächen - oder sollten wir die öde Skipiste als Abstieg benutzen? In St. Niklaus im Mattertal nehmen wir den Zug nach Zermatt, wo wir unweit des Bahnhofs auf dem kleinen Zeltplatz unterkommen. Stadtrundgang - "Ist ja fast wie Rüdesheim - nur etwas größer!" Anderntags sollte eine "gepäckfreie Erholungswanderung" zu den alten Almdörfern unter dem Matterhorn führen.



Im alten Viertel von Zermatt

Doch bereits beim Verlassen des Zeltplatzes beginnt es zu regnen - und dieser begleitet uns bis zum Nachmittag. So etliche kleine Cafés und Wirtschaften sind froh, an diesem nebligen und verregneten Tag uns als Gäste zu sehen - vom stolzen Matterhorn sehen wir nur den breiten Fuß. Dafür erstrahlt es im frühen Morgenlicht in makelloser Schönheit, als wir Zermatt wieder verlassen. Diesmal befördert uns der berühmte Glacier-Express in genussreicher Fahrt talaus bis St. Niklaus. Dann überwinden wir mit Hilfe der Seilbahn die ersten 800 Höhenmeter aus dem schwülwarmen Tal hinauf nach Jungen. Steiler Aufstieg durch uralten Lärchenwald mit schönen Aus- und Tiefblicken. Über den 2894 m hohen Augstbordpass wollen wir das Turtmanntal erreichen, vom Pass aus stand das als exzellenter Aus-sichtsgipfel gerühmte Schwarzhorn auf dem Programm. Allerdings be-ginnt kurz unterhalb des Passes heftiger Regen, im Pass selbst herrscht dichter Nebel - was sollen wir bei solch einem Wetter auf einem Aussichtsgipfel? Also steigen wir jenseits des Übergangs ab und finden bald in etwa 2800 m Höhe einen idealen Platz zum Nächtigen. Die Sicht liegt bei Null und bald ist jeder im Zelt verschwunden. Während der Regen auf die Zelte trommelt, wird gekocht, gegessen, gefaulenzt, geschlafen. Das Wetter bleibt stabil bis zum Morgen. Im Nebel bauen wir unser Lager ab, zum Glück nieselt es nur noch aus einer grauen Suppe. Doch beim Abstieg heitert es glücklicherweise auf, und bei recht gutem Wetter erreichen wir den Talboden des Turtmanntales bei Guben. Hier haben wir Gelegenheit, ein letztes Mal unseren Proviant aufzufrischen und im Gasthof einzukehren. Nachmittags gehen wir den letzten hohen Übergang an. Unter der Alm "Chalte Berg" können wir im Sonnenschein unsere noch vom Regen durchnässte Ausrüstung trocknen und damit das Rucksackgewicht merklich reduzieren. Wir genießen dabei die herrliche Sicht zum nahen Bis- und Weißhorn mit ihren vereisten Nordflanken. Bald haben wir das 2874 m hohen Furggilti erreicht und erreichen nach kurzem Abstieg ein weites Hochalmplateau, das uns geradezu auffordert, hier ein letztes Hochlager zu errichten. Weicher Grasboden, fast einem Golfrasen gleichend, verspricht uns eine komfortable Schlafunterlage. Eine schöne Abendstimmung lässt uns auf einen schönen letzten Tourentag hoffen. Am frühen Morgen hüllt uns dichter Nebel ein, es ist frostig, die Zelte sind mit einer dünnen Reifschicht überzogen.



Morgenstimmung am L'Omen Rosso

Noch beim ersten Dämmerlicht sind wir unterwegs, um den 3031 m hohen L'Omen Rosso zu ersteigen. Kurz vor dem leicht zu erreichenden Gipfel treten wir bei den ersten Sonnenstrahlen aus dem Nebel und befinden uns in klarer Luft mit einer weiten Fernsicht, die uns über das westliche Wallis bis zum Montblanc blicken lässt, während im Norden die Berner Alpen aus der Wolkenschicht ragen, die noch das Rhône-Tal bedeckt. Nach langer Gipfelrast steigen wir wieder zu unserem Lager ab und frühstücken ausgiebig.



Zeltlager unterm Furggili





Abstieg ins Val de Zinal

Dann folgt der lange Abstieg in das Val d'Anniviers mit noch einigen landschaftlichen Höhepunkten. Das herrliche Wetter verleitet noch zu mancher Rast, bei denen wir von blumenreichen Wiesen aus die Talumrahmung des Zinaltales auf uns wirken lassen: das stolze Zinalrothorn mit den grazilen Firngraten, Obergabelhorn, Dent Blanche, dahinter leuchtet das Matterhorn hervor. Es wird heiß weiter unten im Tal, und zum Glück führt der Abstiegsweg nun meist durch schattigen Hochwald. Nach einem Rundgang durch die Bergdörfer Ayers und Mission mit den alten schwarzen Holzhäusern ist es nicht mehr weit bis zum kleinen Campingplatz in Mission, wo wir uns beim Duschen pflegen und uns einstimmen auf das abendliche Abschlussessen mit Walliser Wein und Käsefondue im einzigen Gasthaus.
Am Rückreisetag nehmen wir den Postbus nach Sierre und die Bahn bis Brig. Hier schließt sich der Kreis mit einem Bummel durch die Stadt und dem Besuch des mittelalterlichen Stockalperpalastes, dessen Erbauer uns bereits beim Einstieg der Tour mit seinen Bauten entlang des Stockalperweges imponiert hatte.
Ich freue ich mich darüber, dass die Gruppe trotz (oder gerade wegen) des recht großen Altersunterschiedes der Teilnehmer eine so harmonische Woche erlebt hat. Dafür danke ich allen Bergkameraden.
Wolfgang Gurk