Erlebnisbericht von einer Tour ins Turtmanntal / Wallis
Steckbrief:
- Gebiet: Schweiz, Turtmanntal / Wallis
- Charakter: Gemeinschaftstour
- Anreise: 28. Juli 2001
- Rückreise: 2. August 2001
- Teilnehmer: Michael Balczarczyk, Helmut Kleinschmidt, Karl Kudlacek, Manfred Liedtke
- Organisation: Michael Krämer
- Vorbereitung: 9. Juni 2001 am Kletterturm in Bauschheim
"Niesen" war zu lesen auf der Brücke der Bergbahn als ich aufwachte. Die Bahn kenne ich noch von unserem Familienurlaub im Sommer 1999 - wir fahren gera-de durch Reichenbach in Richtung Bahnverladung Kandersteg. Nach weiteren 11/2 Stunden Fahrzeit treffen wir auf dem Parkplatz "Vorderes Sänntum" (1901m) im Turtmanntal ein. Insgesamt hat unsere Fahrzeit ca. 6 Stunden betragen. Als wir abmarschbereit sind fängt es an zu tröpfeln. Während des Aufstiegs zur Turt-mannhütte (2519m) hört es aber auf. Nach Bezug unserer Lager legen wir uns für ein Nickerchen nieder.
Seit Michael Krämer und Hans David im vergangenem Jahr hier waren, ist der Erweiterungsbau fertiggestellt worden. Die Hütte ist jetzt sehr geräumig (50 Plät-ze), sauber und modern. Dieser Komfort ist jedoch leider auf Kosten der urigen Gemütlichkeit der ursprünglichen Hütte entstanden. Leider hat keiner der übrigen Teilnehmer den ursprünglichen Charme je kennen gelernt. Als wir von unserem Schläfchen aufwachen, plätschert ein heftiger Sommerregen. So fällt uns die Entscheidung nicht schwer, auf den geplanten Spaziergang zum Gässi (2641m) zu verzichten. Ohne überhaupt darüber zu diskutieren drehen wir uns um und schlummern weiter vor uns hin. Mir fällt auf, dass ich tiefer als angenommen geschlafen habe, als jemand das Lager betritt. Es ist Helmut, der das Pech hatte, als Nachzügler in dem heftigen Regen zur Hütte aufsteigen zu müssen. Kurz darauf begrüßen wir uns nochmals im neuen Gastraum der Hütte. Nach dem Essen haben wir gemeinsam den Tourenablauf und die Tourenplanung durchge-sprochen. Zusammengefasst lautet der gemeinsame Beschluss: Tag 2 des Rah-menprogramms wird mit Tag 3 vertauscht. Das hat zur Konsequenz, dass wir uns am darauffolgenden Tag im Aufstieg zum Schöllijoch (3343m) und dann über das Innere- (3583m) zum Üsseren-Barrhorn (3610m) befinden.
Es hat nicht viele Höhenmeter gebraucht, um herauszufinden, dass ich konditio-nell einen Extremwert auf dem Leistungsspektrum unserer Gruppe einnehme - präzise gesagt, den unteren. Weil eine Kette nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied, hat man auf mein Potential Rücksicht genommen. Während der halbstün-digen Gipfelpause beobachten wir, wie sich das Wetter zunehmend verschlech-tert. Über steile Schuttfelder steigen wir zügig ab, um die Hütte möglichst trocken zu erreichen. Erst an der Hütte erwischen uns die ersten Tropfen - wir hatten nochmals Glück. Während wir unseren Nachmittagsschlaf halten, regnet es stark. Manfred, unser letzter Nachzügler, wird beim Aufstieg zur Hütte gründlich nass. Endlich sind wir komplett! Nach dem Essen besprechen wir die Aktivitäten des nächsten Tages. Er ist der Demonstration, Übung und Theorie gewidmet. In den Ausläufen des Brunegggletschers trainieren wir das Gehen mit Steigeisen (wie z.B. Wende bergwärts / -talwärts), Überwinden von Spalten, Einsatz des Eispik-kels, Anbringen von Eisschrauben, Bau eines T-Ankers und Spaltenbergung mittels Loser Rolle bei einer 4er Seilschaft. Wir sprechen über Verletzungsgefah-ren auf dem Gletscher und über den Stand der Lehrmeinung zum Pickelrettungs-griff. Sowohl die Zeit als auch das Wetter lassen es zu, dass wir in die Steilei-stechnik reinschnuppern können. Toprope gesichert probieren wir an einem kur-zen parabelförmig ausgebildeten Eisfeld im Gletscherbruch die verschiedenen Techniken, dabei beobachten und kommentieren wir uns gegenseitig. Insbeson-dere der Einsatz der Frontalzacken soll uns in den kommenden Tagen zu Gute kommen.
Da wir uns schon mit dem Eis des Brunegggletschers vertraut gemacht hatten, geht es am nächsten Tag auf das 3833 m hohe Brunegghorn. Um 4.30 Uhr ver-lassen wir die Turtmannhütte - für mich eine neue Erfahrung. Im oberen Teil des Gletschers lässt unser Tempo deutlich nach. Zu meiner Beruhigung schnauft Manfred ähnlich heftig wie ich. Bei der vergleichsweise kurzen Gipfelrast haben wir wieder genug Puste, um Witze reißen zu können. Trotz herrlicher Aussicht warten wir mit dem Abstieg nicht lange, denn bei stabiler Wetterlage und Son-nenschein weicht der Firn schnell auf. Als (wahrscheinlich) das schwerste Teammitglied sinke ich am häufigsten und am tiefsten ein - eine kraftzehrende Prozedur. Zu meiner Freude wird im Laufe des Abstiegs der Firn wieder fester.
In der Hütte angekommen, verraten mir meine Füße sämtliche Druckstellen im Schuh. Glücklicherweise hat sich nur eine einzige Blase gebildet. Alle anderen Stellen konnte ich noch vorsorglich abkleben.

Die Tourengruppe. Im Hintergrund Bishorn und Weisshorn. Foto: Michael Krämer
Am nächsten Tag, dem 1. August und Nationalfeiertag in der Schweiz, stand lediglich der im Führer mit ca. 3 Stunden angegebene Übergang zur 3256m hoch gelegenen Tracuithütte auf dem Programm. So kamen wir auf die Idee, diesen Tag als "Ruhetag" zu bezeichnen. Schwierigkeiten bei der Wegfindung über die Adlersflüe (2913m), ich habe die Gruppe auf dem ersten Teil des Übergangs geführt und der sehr steile mit zahlreichen Spalten versehene Turtmanngletscher erforderten mehr Anstrengung und eine deutlich längere Gehzeit als angenom-men. Wetter und unsere Laune waren unschlagbar gut, so dass es uns nichts weiter ausgemacht hat. Das Panorama von der Tracuithütte mit den uns allseits umgebenden Drei- und Viertausendern ist überwältigend. Nach anfänglichen Schwierigkeiten haben wir die passenden Argumente gefunden, um den Hütten-wirt davon zu überzeugen uns schon um 2.00 Uhr das Frühstück zu bereiten. Normalerweise wird für das Bishorn, unser nächstes Ziel und Highlight dieser Ausfahrt, erst um 5.00 Uhr gefrühstückt. Um kurz vor 3.00 Uhr verlassen wir die Hütte. Mit uns zwei Bergführer, die uns bald weit hinter sich lassen. Die Freude über den Fast - Vollmond währt nur kurz, denn er geht bald unter. Starker Wind aus westlicher Richtung kühlt uns bei jeder Pause rasch aus. Im Aufstieg erleben wir einen traumhaften Sonnenaufgang am wolkenlosen Himmel. Gegen 6.50 Uhr erreichen wir den Gipfel des Bishorns (4153m). Die Gipfelrast dauert nur 10 Mi-nuten. Zufrieden über unsere Leistung treten wir den Rückweg an. Unterwegs begegnen uns zahlreiche Seilschaften, die sich im Aufstieg befinden. Zu meiner Genugtuung stelle ich fest, dass die meisten einen ähnlich gequälten Eindruck beim Aufstieg machen wie ich.
Etwas unterhalb der Tranquithütte machen wir eine längere Pause bevor wir unse-ren Abstieg zur Turtmannhütte fortsetzen. Hier beenden wir offiziell diese Ge-meinschaftstour und steigen individuell zu unseren Fahrzeugen ab.Nachwort:
Ursprünglich war diese Tour für acht Teilnehmer angeboten. Die Organisation teilten sich Hans David und Michael Krämer. Leider ist Hans erkrankt und musste frühzeitig den bei Ihm gemeldeten Teilnehmern absagen. An dieser Stelle möchte ich ihm im Namen aller Teilnehmer Ihm eine gute Besserung und baldige Rück-kehr ins aktive Berggeschehen wünschen.Michael Balczarczyk
