Trekking in der Wildnis des Tienshan
Auf
einer Flugreise nach Fernost faszinierten mich endlose lange Hochgebirgsketten,
deren eisgepanzerte Gipfel aus der zentralasiatischen wüstenhaften Landschaft
weit über den Dunst herausragten. An Hand der Landkarte identifizierte
ich die Bergketten als das Tienshan. Aus rund 13 km Höhe war aber weit
und breit keine Straße oder menschliche Siedlung zu erkennen, und ich
fragte mich, wie gelangt man in ein so einsam gelegenes Hochgebirge? Diese
Frage konnte unerwartet geklärt werden, denn im Frühsommer 2003 erhielt
ich ein Angebot vom Ausbildungsreferat des DAV, an einer Fortbildung im
Höhenbergsteigen teilzunehmen, die tatsächlich in
dieses Gebirge führen sollte. Nun bot sich eine gute Gelegenheit, unter
ortskundiger Führung, dazu noch bei medizinischer Betreuung
ein für mich neues Gebiet zu erschließen. Das Tienshan-Gebirge – auf
deutsch „Himmelsgebirge“ - ist gewaltig groß: in der Längsausdehnung
misst es über 2000 km, das ist die doppelte Längenausdehnung
der Alpen.
Als einer der 12 Teilnehmer aus ganz Deutschland im Alter zwischen 23 und 65
Jahren reise ich per Direktflug nach Almaty in Kasachstan. Vor Beginn des dreiwöchigen
Trekkings werden wir mit der Theorie über die Besonderheiten und Risiken
des Höhenbergsteigens vertraut gemacht, das Wissen über Höhenphysiologie
und die Taktik des Bergsteigens in großen Höhen sollte vertieft
werden.
Gerüstet mit neuesten Erkenntnissen aus der Expeditionsmedizin, der Akklimatisation,
Ausrüstung, Training und Anforderungen für ein solches Höhentrekking
starten wir dann ins Gebirge. Erster Stützpunkt ist das Bergsteigerlager
Karkara in 2.250 m Höhe. In dieser Gegend mit einer überaus vielfältigen
und faszinierenden Flora nutzen wir die Zeit für Eingehtouren und zum
Akklimatisieren. Ein russischer Drei-Achs-Allrad-LKW ist dann nötig, um
die Reise entlang der kirgisisch-kasachischen Grenze in weglosem Gelände
fortzusetzen. Am Endpunkt werden wir in die Wildnis entlassen, allerdings treffen
wir im ersten Zeltlager auf unsere dienstbaren Geister: die kasachische Träger-
und Küchenmannschaft, die uns während der Trekkingtage inmitten der
grandiosen Berglandschaft mit den leckersten Speisen verwöhnen und mittels
Tragpferden das Gruppengepäck transportieren wird.
Die Höhe der Übernachtungs-Camps nimmt täglich zu. Nach der
Strategie der Akklimatisation soll die Schlafhöhe jeweils niedriger sein,
als die am Tage erreichte Höhe. So folgt nach Passübergängen
und ersten Gipfeln immer wieder ein Abstieg zu jeweils idyllisch gelegenen
Zeltplätzen. Ruhe-, Belastungspuls sowie das allgemeine Befinden werden
regelmäßig protokolliert, dazu wird mehrmals täglich der Sauerstoffpartialdruck
des Blutes gemessen.
Täglich rücken die Höhenzüge des zentralen Tienshan näher, eine fast endlose Kette vergletscherter Bergriesen. In dieser Wildnis sind Wege überflüssig, Brücken über die zahlreichen Flussläufe gibt es nicht. Menschliche Siedlungen sind mehrere Tagesmärsche entfernt. Wer krank wird oder stürzt, ist jetzt auf sich selbst oder die Gruppe angewiesen, umso mehr lernt man die Gemeinschaft der Gefährten schätzen.


Ganz vereinzelt treffen wir in der Einsamkeit auf Nomaden, die in den weiten Trogtälern in der Sommerzeit in den runden Kuppelzelten, den Jurten leben. Obwohl sie selbst außer Pferden kaum etwas besitzen, legen sie großen Wert darauf, dass wir ihre Gastfreundschaft genießen: Selbstgemachter Käse, gesäuerte Stutenmilch und Mengen schwarzen Tees werden uns angeboten – für uns äußerst ungewohnte Speisen, doch sehr schmackhaft und, wie wir erleben, auch sehr magenfreundlich, denn niemand hat auf der Reise mit der bei Trekkern berüchtigten „Montezumas Rache“ zu kämpfen.

An den großen Gletschern können die Packtiere nicht weiter. Sie werden durch eine Trägermannschaft ersetzt. Das Gelände ist jetzt hoch-alpin. Reißende Gletscherbäche werden durchquert, bis zum Bauch im Eiswasser, nur am Seil gesichert. Am Bayankol-Lager erinnert man sich an Prof. Gottfried Merzbacher, der vor genau 100 Jahren das Gebirge als erster West-Europäer erforschte. Den Khan Tengri, den "Herrn der Geister", wollte er erreichen, der damals als höchster Berg angesehen wurde. Auch wir wollen in seine Nähe, doch uns hilft ein russischer Transporthubschrauber vom Typ MI-8 vom Bergsteigerlager Bayankol (3.200 m) über die mehr als 5.000 m hohen Pässe ins Nachbartal zum Khan-Tengri-Basislager in 4.050 m Höhe auf bequeme Weise zu gelangen. Hier sind wir plötzlich nicht mehr allein. An dem 7.010 m hohen Khan Tengri sind Seilschaften aus vielen Nationen unterwegs, die sich von einem Hochlager zum nächsten hochkämpfen.

Doch das Ziel unserer Gruppe ist der 5.350 m hohe Karly Tau, ein prächtiger
vergletscherter Berg hoch über dem etwa 60 km langen Süd-Inyltchek-Gletscher.
Das Hochlager in 4.800 m Höhe wird am Nachmittag errichtet, dann setzt
heftiger Schneesturm ein, der unsere letzten Kraftreserven fordert. Hinzu kommt,
dass der Gaskocher seinen Dienst versagt. Doch unser Bergführer Sascha
und einem Bergkameraden gelingt es in der Nacht, die Fehlerursache – ein
eingefrorenes Regelventil – zu finden und den Kocher wieder gangbar zu
machen. So sind uns doch noch warme Getränke gesichert. Der Sturm denkt
auch in der Nacht nicht daran, nachzulassen, doch am Morgen haben wir unerwartet
klare Sicht bei eisigen Temperaturen. Nach wie vor bläst der Wind selbst
im geschützten Lager heftig und treibt dichte Schneefahnen mit sich. Am
frühen Morgen beginnt unser Anstieg auf den Karly Tau, in der Hoffnung,
der Wind werde noch abflauen. In drei Seilschaften nähern wir uns dem
Firngrat – noch sind 300 Höhenmeter aufzusteigen. Doch hier erreicht
der Wind orkanartige Stärke, so dass ein weiteres Aufsteigen zu einem
nicht kalkulierbaren Risiko wird. Unsere „Youngster“ versuchen
noch einen Anlauf – doch ohne Erfolg. Wir geben uns dem Wetter geschlagen – prächtiger
blauer Himmel, aber Höhensturm!
Abstieg, Abbau des Hochlagers und Abstieg ins Base-Camp, von wo aus wir auf
dem Rückflug per Hubschrauber zum Ausgangspunkt des Trekkings Gelegenheit
haben, unsere Tour aus der Vogelperspektive genussvoll zu betrachten.

Fragt man mich, welches der Höhepunkt der Unternehmung gewesen sei, kann ich nur erwidern, die gesamte Tour war ein einziger Höhepunkt. Unvergessen bleibt mir die wunderbare Kameradschaft in der Gruppe – trotz eines großen Altersspektrums, die Einsamkeit und Erhabenheit der Wildnis, die seltenen Begegnungen mit den Einheimischen, die immer hilfsbereite und freundliche kasachische und kirgisische Mannschaft, die uns begleitete, nicht zuletzt unser Sascha, der nicht nur unser ortskundiger Bergführer war, sondern uns als Magier unterwegs allerlei Zaubertricks zeigte, für jedes Wehwehchen die passende Naturmedizin parat hatte. Dank sage ich unserem Tourenleiter Luis Stitzinger und dem Summit Club für die hervorragende Organisation der Reise.
Wolfgang Gurk
