Ein Wochenende in der Silvretta
An einem verlängerten Wochenende im August waren die Dreitausender der Silvretta das Ziel unserer kleinen Gruppe. Wir Vier - Sybille, Martin, Klaus und Hans-Peter - hofften auf schönes Wetter in diesem Hochsommermonat, denn wir hatten ja nur 3 Tage Zeit uns auszutoben. Leichte Hochtouren auf Gipfel wie Dreiländerspitze, Piz Buin oder Silvrettahorn hatten wir im Sinn. Martin wollte an diesem Wochenende gar seine Bergtauglichkeit auf Gletschern und Dreitausendern ausprobieren.

Übung der "Losen Rolle", Foto: Kroepsch
Donnerstagmorgen starteten wir in einer PKW-Fahrgemeinschaft Richtung Bieler Höhe im Montafon. Schon am Start war klar, dass das Wetter uns nicht gewogen sein würde, denn es war eine Schlechtwetterfront bis Samstag vorhergesagt. An der Bieler Höhe angekommen, empfing uns dennoch strahlender Sonnenschein, die Wolken hatten wir am Alpenrand zurückgelassen. Fröhlich machten wir uns deswegen an den Aufstieg, in der Hoffnung auf eine falsche Wetterprognose. Doch schon bald hatten die Wolken uns eingeholt und öffneten ihre Schleusen. Die Pinkelpause wurde also jäh beendet und der Rucksack hektisch nach Regenjacke und Regenhülle durchsucht. Pitschnass kamen wir an der Wiesbadener Hütte an - der überquellende Trockenschrank bewies, dass unser Schicksal kein Einzelfall war. Die Lagebesprechung am Abend gab die Parole aus: Abwarten und Tee trinken.
Der nächste Morgen ermöglichte uns ein gemütliches Ausschlafen, Wolken zogen um die Hütte, es regnete. Doch wer rastet der rostet, ein wenig Knoten knibbeln als Gehirntraining brachte Abhilfe und Martin als Neuling zum Schwitzen. Voller Elan - Regen und Kälte zum Trotz - belegten wir danach die (überdachte) Terrasse und retteten mit Hingabe unsere Gefährten aus riesigen, imaginären Gletscherspalten. Obwohl alles was der Rucksack hergab, angezogen worden war, konnte nur eine warme Suppe uns anschließend aus der Kältestarre erretten. Dem Regen zum Trotz marschierten wir nach ausgiebigem Aufwärmen noch zum nahegelegenen Gletscher und probierten Steigeisen, Pickel und Eisschrauben aus. Der Trockenschrank war bei unserer Rückkehr noch besser als am Vortag gefüllt, was beweist, dass es bei guter Kleidung kein schlechtes Wetter gibt.
Der Samstagmorgen war genauso wolkenverhangen wie der Vortag, es regnete allerdings nicht mehr, dafür hatte es über Nacht geschneit. Wir starteten zur Dreiländerspitze, in der Hoffnung auf Wetterbesserung entsprechend der in der Hütte ausgehängten Wettervorhersage. Nasskalter Wind begleitete unseren Aufstieg, die Berge blieben wolkenverhangen. Nur sekundenlanges Zerreißen der Wolken ermöglichte kurze Blicke auf die umliegenden Gipfel und unser Ziel die Dreiländerspitze. Einsam zogen wir unsere Spur, der größte Teil der Hüttengäste hatte den Abstieg oder den Piz Buin vorgezogen. Den Weg über den Gletscher meisterten wir dank Hans-Peters Spuranlage problemlos, auch ein von unten beeindruckender steiler Teil vor dem Gipfelgrat bremste uns nicht. Am Gipfelgrat selbst erwartete uns dann das eigentlich schon Vermutete: durch den nach wie vor eisigen Wind und die immer noch in den Wolken verschollene Sonne war der Schnee von den Felsen nicht weggetaut, die Felsen zum Teil vereist. Trotzdem probierten wir eine Seillänge Aufstieg, waren dann aber alle froh, als Hans-Peter den Rückzug anordnete. Diesen Eiertanz zum Gipfel bei fehlender Sicht und Gefrierschranktemperaturen wollten wir uns ersparen und auch Martin den Spaß an Hochtouren nicht durch einen Gewaltakt nehmen. Einvernehmlich traten wir den Rückweg in die obere Ochsenscharte an und rasteten dort erst einmal. Zu unserem Verdruss lugte die Sonne jetzt öfter aus den Wolken, im Tal der Jamtalhütte schien sie gar schon richtig. Wir beschlossen, an einem im Aufstieg gesichteten Windkolk nochmals Spaltenbergung im richtigen Gelände zu üben - gesagt, getan. Unter Hans-Peters fachkundiger Aufsicht und Anleitung musste jeder mal Sturz halten, Gestürzte hochziehen oder selbst in die "Spalte"- endlich wurde uns warm. Bewunderer hatten wir auch, da sich offensichtlich viele recht spät noch zu einem Aufstieg entschlossen hatten und an uns vorbeizogen. Aufgrund der jetzt freundlich lachenden Sonne war uns ein direkter Hüttenabstieg zu schade, wir zogen eine Gletscherquerung über den Vermuntgletscher zur grünen Kuppe vor, die als guter Aussichtspunkt im Führer gepriesen wurde. Dort hatten wir dann Gelegenheit, uns an windgeschützten Stellen in die Sonne zu legen und die tatsächlich vorhandene schöne Aussicht zu genießen. Obwohl wir keinen Gipfel gemacht hatten, war es für uns alle ein schöner Tag.

Auf dem Gipfel des Ochsenkopfes
Foto: Kroepsch
Sonntag morgen dann strahlend blauer Himmel und Sonnenschein, für einen direkten Abstieg viel zu schade. Eine kleine Tour über den Tiroler Gletscher zum Ochsenkopf war schon am Vorabend ins Auge gefasst worden und wurde jetzt in die Tat umgesetzt. Endlich konnten wir das ganze schöne Bergpanoramaum die Wiesbadener Hütte bewundern und genießen. Als erste Gruppe kamen wir auf dem Ochsenkopf (3057 m) an, der erste Dreitausender für Martin. In einer nachfolgenden Zweiergruppe war ein ortskundiger Bergsteiger, der uns das umliegende Bergpanorama erläuterte - die Sicht war großartig. Leider hatten wir für langes Verweilen keine Zeit, denn die Heimfahrt stand bevor. Beim Abstieg zur Wiesbadener Hütte ließen wir dann alle einiges von unserer Kleiderhülle fallen, endlich angenehm warme Temperaturen. Die wurden beim langen Rückmarsch zum Silvrettastausee noch gesteigert, als alles Gepäck wieder im Rucksack verstaut war. Müde aber völlig zufrieden mit unserem Kurztrip in die Silvrettabergwelt kamen wir dann am Auto an, traurig, dass es jetzt wieder gen Heimat gehen musste.
Sybille Fritsch-Kroepsch
