Jugend 2: Tagebuch der Ausfahrt in die Schweiz 2002
Samstag, 29. Juni
Viel zu früh trafen wir, das sind Kathrin, Maria, Marie, Michi, Boris, Christopher und die beiden JLs Schrah und Chris, uns am Rüsselsheimer Bahnhof, um unsere Odyssee nach Göschenen per Zug zu starten. Das rächte sich auch gleich, da wir, verschlafen wie wir waren, in Frankfurt statt im Regionalbahnhof im Hauptbahnhof aussteigen wollten. Doch in allerletzter Sekunde schafften wir es doch noch, bevor sich die Türen wieder verschlossen haben. Bei uns gab wirklich Spannung von der ersten Minute an. Ruhiger wurde es auf der Weiterfahrt ins Käseländle, mit schönem Ausblick auf den Vierwaldstädter See und die Schweizer Bergwelt. Angekommen in Göschenen verschweißte sich die achtköpfige Gruppe mit unserem Taxifahrer Tobias (der Student), der extra mit dem Auto angefahren kam um uns zum Göschneralpsee zu chauffieren, um nicht die überteuerte Schweizer Buslinie benutzen zu müssen. Ab dort hieß es Gepäck schleppen, 2 h hinauf in brütender Hitze. Mehrere Pausen waren nötig, das Gepäck musste mehrfach umgepackt und auf die stärkeren Jungs verteilt werden. Doch der Ausblick auf die umliegende Gletscherwelt (Dammastock und Dammagletscher) und die durchwanderten Moorwiesen entschädigten für die Strapazen. Die kleine Bergseehütte liegt 2370 m über dem Meer auf einem kleinen lawinensicheren Vorsprung mit Blick auf die Gipfel des Schijenstocks, Bergseeschijen und Hochschijen. Der kalte Bergsee vor der Hütte lud natürlich gleich zum Schwimmen und Baden ein, zischhhhhhhhh und die Füße waren gut abgekühlt, und dann die Knie bis Kathrin und Maria komplett unter Wasser waren. Doch das Wasser war nicht gerade warm, so waren beide Mädels auch schnell wieder draußen.
Sonntag, 30. Juni
Der Tag begann mit prächtigem Sonnenschein und lud zu den ersten Klettertouren ein. Kurz unterhalb der Hütte bot sich das Hausklettergebiet an, um sich schon mal an den bombenfesten Granit zu gewöhnen. Die meisten aus der Gruppe hatten noch keine alpine, einige noch gar keine Felserfahrung. Daher war dies genau das richtige, was wir brauchten: Bohrhaken alle 2 Meter, Gelände zum Klemmkeil- und Klemmgerätelegen üben, Abseilpisten und leichte, geneigte Klettereien im III. bis V. Schwierigkeitsgrad. Die Touren waren teilweise lang genug, um auch mal einen Zwischenstand einzurichten. Wir kletterten das "Anfängerglück" (4a,3a,3b,3b,3c), Tipp Topp (5b,5b), Riggä (4c,6a,4b,3b), die beiden Jugendwege (5a,4b/4a,3b,2c), Dülferli (5a), den Täppeliweg (4b,4c,3c) und den Keiliwäg (3a, 4b). Doch leider geht auch nicht immer alles glatt. Am Jugendweg kam Marie nicht weiter und rutschte während ihres Vorstiegs ins Seil. Dabei hatte sie sich den Unterarm und den Knöchel so stark geprellt, dass sie für den Rest der Woche außer Gefecht war und nicht mehr mitklettern konnte.
Der Abend war gefüllt mit leckerem Abendessen, es gab immer köstliche Schweizer Spezialitäten für die ganze Gruppe. Dann hieß es für einige Wäsche waschen, Kletterzeug für den nächsten Tag sortieren und Strippoker. Danach erklärte Schrah allen wie beim Skat die Flöte gereizt wird. Das fanden alle sehr lustig.
Montag, 1. Juli
Heute sind wir um 7 Uhr aufgestanden und haben gefrühstückt. Nachdem wir danach den "Stinkgeist" befreit hatten, ging es auch schon los: Wir wanderten über großes Blockwerk zum Südgratvorbau des Bergseeschijen. Noch bei Sonnenschein haben wir an beiden Vorbauten diverse Routen bezwungen. Hervorzuheben ist die Überschreitung des ersten Vorbaus zum Fuß des zweiten Vorbaus. In dieser Tour haben Chris, Gerhard, Maria, Kathrin und Tobias einen wunderschönen Piazriss im V. Schwierigkeitsgrad bewältigt. Während die anderen dann schon bald zur Hütte abgestiegen sind, haben Maria, Gerhard, Chris und Kathrin bei immer stärker werdenden Wind die "Blaue Linie" (5c/4c-1p.a.) erklommen und sind erst mit 10-minütiger Verspätung zum Abendessen eingetroffen. Am Abend haben wir dann noch Karten gespielt. (Türkisch Muddi & Achmet-Moustafa)
Dienstag, 2. Juli
Nach dem Aufstehen (gegen 7 Uhr) und den morgendlichen Stinkgeist-Befreiungsritualen haben wir erst mal in Ruhe gefrühstückt. Da es bewölkt und neblig war, haben wir noch ein bisschen UNO gespielt. Die Verlierer haben den Tisch-Abputzdienst gewonnen. Später haben wir unsere Sachen gepackt und haben Tragetechniken für Verletzte gelernt. Anschließend sind wir zum Kinderklettergarten gegangen und haben Partnerabseilen geübt. Danach sind wir zur Hütte gegangen und haben gegessen und Karten gespielt. Chris und Gerhard sind jedoch weitergeklettert (bis ungefähr 16 Uhr). Abends haben Maria, Kathrin, Chris, Boris und Gerhard einen Spaziergang um den Bergsee gemacht und sind darin geschwommen. Nach dem Abendessen haben wir nur noch UNO gespielt.
Mittwoch, 3. Juli
Heute ging es schon früh los. Nach dem Frühstück um 6.30 Uhr stiegen Chris, Gerhard, Tobi, Maria, Kathrin, Christopher und Boris zur Bergseeschijen-Südwand. Trotz Wind und Wolken wurde gegen 8.00 Uhr mit der ersten Seillänge begonnen. Zügig ging es im griffigen Granit nach oben. Trotz der alpinen Absicherung blieb die große Angst aus, da auch Klemmkeile und Friends verlegt werden konnten.
Nach und nach wurde an den breiten Standplätzen das 2. Frühstück eingenommen. Weiter ging es dann mit Sonnenschein und immer wärmerem Fels. Während der vorletzten Seillänge rutschte Tobi im Vorstieg zwei Meter ab, konnte aber im Nachstieg den Gipfel ohne weitere "Ausrutscher" erreichen. Am Standplatz von der letzten Seillänge wurde dann noch mal Kraft getankt und das letzte Wandstück selbst versichert.
Nach 6 Stunden erreichte unsere Gruppe endlich den Gipfel. Chris spendierte für alle eine große Tüte Gummibärchen. Pünktlich zum obligatorischen Gipfelfoto setzte starker Wind und Schneefall ein, der aber beim Abstieg von der Sonne wieder verdrängt wurde.
Abgestiegen wurde über den Ostgrat. Über Klettersteige und Schneefelder erreichten wir gegen 17.00 Uhr die Geröllfelder am Fuße des Bergseeschijen. Wieder zurück im Lager, schwoll der gestauchte Fuß von Tobi stark an. Trotzdem ließen wir und schließlich auch er sich das Abendessen nicht verderben. Später spielten wir dann bis spät in die Nacht (22.00 Uhr) Karten und erzählten von der Tour.
Anm. des Jugendleiters: Die unangenehmen Unfälle veranlassten uns dazu, einen Arzt zu informieren, der beschloss, am nächsten Tag einen Heli zu schicken, um Marie, die immer noch einen dicken Fuß hatte und jetzt auch Tobi, ins nächste Krankenhaus zur Untersuchung zu schicken. Ob die beiden den geplanten Abstieg ins Tal geschafft hätten, kann bis heute keiner sagen, aber es war an der Zeit, die Planung umzuwerfen. Wir entschlossen uns daher - früher als geplant - am Freitag gemeinsam wieder zurückzufahren.
Donnerstag, 4. Juli
Am Morgen hatte es geschneit, doch es langte nicht für eine Schneeballschlacht. Das Wetter lud gerade dazu ein die "Flöte zu reizen" und ein paar schöne Fotos aus der Hütte zu schießen. Gegen Mittag klarte es auf. Wir hofften, dass der Heli landen konnte, um die Verletzten ins Spital zu fliegen. Aber bis dahin fuhren wir uns noch eine Ladung Rösti mit Brgks (übersetzt aus dem schwyzerischen: Bergkäse) ein. Nach dem Mittagessen schwebte der rote Helikopter majestätisch aus dem weißen Wolkenmeer zu uns herab (Sandmännchen lässt grüßen). Nach der erfolgreichen Rettung kehrte endlich wieder Ruhe ein und wir gingen zum normalen Tagesprogramm - Klettern - über. Wir besuchten wieder unseren Hausfels vor der Hütte.
Tobi berichtet vom Flug: Ich genoss die herrliche Aussicht, sowie die Tatsache, dass sich die Landschaft wie in Zeitlupe an mir vorbei bewegte. Doch im Spital passierte es: Auf dem Gang der Notaufnahme lernte ich eine Sexbombe von Krankenschwester kennen. Sie war der Traum meiner schlaflosen Nacht. 1,70 m, blond, blaue Augen.100% Erotik pur.
Freitag, 5. Juli
An diesem Morgen sind wir schreckhaft aus den Betten gesprungen um die letzten Dinge, wie z.B. Packen, zu erledigen, bis wir dann im Morgengrauen zum Tal herabgeschritten sind. Ab dem Göscheneralpsee haben uns dann Marias Vater und Chris nach Altdorf gefahren. Dort empfingen wir unsere Verletzten. Tobias Herz war voller Trauer, als er "seine" Krankenschwester verlassen musste. Sichtlich geschwächt bestieg er mit uns das Fahrzeug und wir steuerten den Bahnhof von Flüelen an. Von dort aus fuhren wir in Richtung Frankfurt und wir reizten noch einige Runden die Flöte. In Frankfurt stiegen wir in die S-Bahn nach Rüsselsheim um. Ab Raunheim nahm Türkisch Muddi (Kathrin) die Zügel in die Hand und brachte ihre Familie sicher nach Rüsselsheim zurück.
