Genießerwanderung über den Lasörling-Höhenweg (2004)
Bislang ist es mir rätselhaft geblieben, wie eine als „leicht“ ausgeschriebene Bergwanderwoche von Hütte zu Hütte durch eine der schönsten Ostalpenregionen so geringes Interesse in unserem Mitgliederkreise gefunden hat. So reise ich nur mit zwei Begleitern – Gerado Donadio, Gerhard Klaus – in die Hohen Tauern, um den Lasörling-Höhenweg neun Tage lang zu genießen. Der Weg führt im wesentlichen innerhalb des Nationalparks „Hohe Tauern“ durch die Lasörlinggruppe, die den Gebirgskamm zwischen dem Defreggen- und Virgental bildet. Meist geht der Blick aussichtsreich zum Großglockner, dem unmittelbar gegenüber auf der anderen Talseite liegenden Großvenediger – oder von den höheren Gipfeln aus zu den südlich sich erhebenden wild gezackten Dolomitengipfeln.

Das Wetter ist während der ganzen Wandertage optimal, und wir freuen uns über die klare Luft bei ungetrübten Fernsichten und meist angenehmen Tagestemperaturen. Während unserer Anfahrt regnet es noch vor dem Felberntunnel, doch als wir uns für den Aufstieg zur Zunigalm rüsten, zeigt sich die Sonne, die uns – mit Unterbrechungen in den klaren Nächten – bis zur letzten Etappe die Wanderungen und die dazugehörigen Rasten uns so richtig genießen lässt. Auf der privat geführten und gut bewirtschafteten Zunigalm verbringen wir die ersten beiden Nächte. Zur Akklimatisierung gehen wir mit leichtem Tagesgepäck den Großen Zunig (2.776 m) an. Wunderschön spiegelt sich der Großglockner im kleinen Zunigsee, Gämsen beobachten wir, gegen Mittag erwartet uns die weite Rundsicht vom Gipfel aus – Schobergruppe, Lienzer Dolomiten, Karnischer Hauptkamm, italienische Dolomiten, den Hochgall in der Rieserfernergruppe ... - und den Tiefblick ins gut 2.000 m tiefer gelegene Iseltal.

Nach langer Gipfelrast nehmen wir noch den kleinen Zunig mit und weiter unten essen wir uns mit Heidelbeeren satt, sodass wir mit blauen Lippen zurück zur Hütte kommen.

Das nächste Ziel ist die Zupalseehütte (2.346), zu der wir über unseren Höhenweg gelangen. Das prächtige Wetter und die noch frühe Tageszeit laden uns zur Variante über den aussichtsreichen grünen Kammrücken des 2.574 m hohen Legerle ein. Der See, der der Hütte zu ihrem Namen verholfen hat, ist in grüne Almen eingebettet. In seinen klaren Wassern spiegelt sich die Venedigergruppe mit den weißen Gletscherfeldern und den schroffen Gipfeln oberhalb des Virgentales.

Von der Zupalseehütte aus hat man mehrere Wege in westlicher Richtung zur Auswahl. Eine schöne Möglichkeit, ohne große Höhenunterschiede, ist die Route durch ein weites Almgelände. Wegen des zu erwartenden prächtigen Tages entscheiden wir uns für die alpinere Variante – den Kammweg über den 2.723 m hohen Donnerstein und Speikboden (2.660m).


Wir werden mit phantastischen Fernsichten von unserem Höhenweg aus belohnt, jeder Gipfel lädt zu einer längeren Rast mit Gipfelschau ein. Abstieg vom mit riesigen Gipfelkreuz ausgestatteten Speikboden, Aufstieg in Richtung „Merschenhöhe“. Unterwegs wieder ein kleiner See, mit blühendem Wollgras umsäumt. Rast, Füße ins Wasser, genießen... Der Abstieg zur gut besetzten Lasörlinghütte (sehr enge Lager) war dann schnell geschafft.


Der Lasörling ist mit gut 3.000 m Höhe der Beherrscher der Gruppe, steht recht isoliert von den anderen großen Bergen und ist daher ein besonders schöner Aussichtsgipfel. Für Begeher des Lasörling-Höhenweges ist seine Besteigung daher ein MUSS. Durch Blockwerk führen bezeichnete Steigspuren hinauf, sodass der Gipfel leicht – aber mühsam – erreicht werden kann. Auch hier erwartet uns eine weite Sicht, besonders eindrucksvoll der Blick zu den Dolomiten mit Schusterspitze, Drei Zinnen, Monte Pelmo, Marmolata und, und, und... Abstieg und weglose Querung durch grobes Blockwerk zum Übergang durch die Bergerseescharte. Abstieg nordseitig steil zum Bergersee mit der gleichnamigen Hütte, wo uns das „Sieben-Zwergen-Lager“ zugewiesen wird: Zusammen mit drei anderen Bergwanderern (zum Glück kam kein weiterer dazu) füllten wir das liebevoll mit rotkarierten Bettdecken ausgestattete Zwergenlager vollständig aus. Eine kleine Zwergenkarte mit einem Betthupferl am Fußende wünschte uns eine gute Nacht! - Die hatten wir tatsächlich.

Wieder ein prächtiger Morgen! Wir genusswandern auf dem nahezu horizontalen Muhs-Panoramaweg, wir beobachten dabei einen Wanderfalken und Gämsen, rasten am „Venedigerblick“ und folgen dann dem Weg hoch über der Lasnitzenalm hinauf zur Michltalscharte (2.753). Langer Abstieg in den Kleinbachboden mit klarem Quellwasser und Wollgras, dann erneut langer Aufstieg zur Roten Lenke (2.794), für deren Namen wohl das braunrote Gestein (Braunwacke) des Übergangs Pate gestanden hat. Die nahe Gösleswand heben wir uns für den kommenden Tag auf, für den heutigen Tag soll es genug sein! Kurzer Abstieg zur Neuen Reichenberger Hütte (2.586) am Bödensee, von deren Terrasse wir beim Radler den putzigen Murmeltieren im nahen Blockwerk zusehen.

Am folgenden Tag – das Wetter hat es herausgefordert, geht's am Morgen doch noch hinauf zur Gösleswand – ein herrlicher Aussichtsgipfel, leicht zu besteigen. Der Abstieg führt wieder vorbei an den klaren Wassern des Bödensees – die Temperatur ist angenehm, später Vormittag, was liegt da näher, als ein erfrischendes Bad? Tatsächlich – es ist äußerst erfrischend, die Wassertemperatur lässt nur ein paar Schwimmzüge zu! Einer der schönsten Abschnitte unserer Route folgt am Nachmittag mit der Wanderung zur kleinen Clarahütte. Über einen Panoramaweg wandern wir zur Daberlenke, einem weiten Joch zwischen Defreggen- und Virgental. Die Felsen haben hier auf kleinstem Raum die unterschiedlichsten Farben: grau, grün, gelb, braun, dazwischen das Grün des Talbodens und weiße Firn- und Gletscherfelder. Der Abstieg ins schluchtartige Dabertal wird ein weiterer Höhepunkt. Tief unten rauscht der Bach durch zig-meter hohe Lawinenreste, der schmale, auf Teilstrecken gesicherte Steig führt durch steile Wandfluchten und verlangt konzentriertes Gehen. Zuletzt noch ein kurzes Stück das Umbaltal hinauf, dann haben wir die winzige Clarahütte erreicht.

Anderntags besteigen wir abschließend einen Aussichtsberg, den 3.051 m hohen Ahrner Kopf. Wir sind verwöhnt, die Sicht ist heute erstmals durch Dunst und Wolken getrübt, dennoch eine lohnende Bergtour.
Am letzten Tag geht es im Abstieg über den Wasserschaupfad entlang der rauschenden Umbalwasserfälle dem Virgental entgegen. Hier machen wir noch eine reiche Johannisbeerernte, denn die wild wachsenden Büsche hängen übervoll mit reifen Beeren. Diese sind etwas säuerlicher als die uns aus den Gärten bekannten, doch ungleich aromatischer.

Abschlussessen in der „Alten Mühle“ in Matrei – und als wir das Lokal verlassen, regnet es kräftig. Was soll es, auch das Wetterglück gehört zu einer gelungenen Tour!
Wolfgang Gurk
