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Korsika. Auf dem GR 20 von Calenzana bis Vizzavona

Die Erzählungen einiger Bergfreunde über erlebnisreiche Bergwanderungen auf Korsika hatte in einigen von uns den Wunsch reifen lassen, auch einmal die Insel zu erwandern, die in amtlichen Prospekten Insel der Schönheit, des Lichts und der Kontraste genannt wird. So wurde auf einer Bergtour 1999 der Plan geboren, eine Wanderung auf dem GR 20 (Sentier de Grande Randonnée de la Corse ) zu organisieren.

Viele Bergfreunde zeigten an einer solchen Tour großes Interesse. Als wir aber am 26. August 2000 nach Korsika aufbrachen, waren wir nur noch zu dritt.

Mit der Bahn fuhren wir am frühen Morgen von Rüsselsheim nach Livorno, wo wir am späten Abend ankamen. Unsere Fähre sollte kurz vor Mitternacht abfahren, hatte aber weit über eine Stunde Verspätung.

Endlich an Bord, suchten wir drei große Kisten aus, auf denen wir unsere Liegematten und Schlafsäcke ausbreiteten. Durch die lange Bahnfahrt waren wir sehr müde, so schliefen wir auch rasch ein und waren, als wir aufwachten nicht mehr weit vom Hafen von Bastia entfernt. Dort lief unser Schiff pünktlich um sieben Uhr ein.

In einem Straßencafe konnten wir noch ein französisches Frühstück genießen, bevor unser Zug abfuhr, der uns nach Calenzana-Lumio in der Nähe von Calvi an der Nordwestküste bringen sollte. Die Zugfahrt begann recht abenteuerlich. Schon bei der dritten Haltestelle mussten wir wegen eines Defekts unseres Triebwagens aussteigen und fürchteten schon, nicht mehr unser erstes Tagesziel erreichen zu können. Doch nach etwa einer Stunde war unser Wagen provisorisch repariert und die Fahrt konnte auf der nun folgenden sehr eindrucksvollen Strecke fortgesetzt werden. Auf manchen Streckenabschnitten war die Bahntrasse nicht sehr viel breiter als unser Wagen und wurde auf der einen Seite von einer steilen Felswand begrenzt, auf der anderen Seite schaute man in einen tiefen Abgrund. Immer wieder tauchten auch schwarze, verkohlte Hänge auf, die Auswirkungen der häufigen Sommerbrände auf Korsika.

Gegen Mittag erreichten wir Calenzana-Lumio und fuhren von dort mit einem Taxi zum Ort Calenzana, wo unsere Wanderung beginnen sollte. Es war inzwischen sehr heiß geworden, so dass wir beim ersten Anstieg auf dem GR 20 tüchtig ins Schwitzen kamen. Bei der Ortivintiquelle verließen wir den GR 20 und stiegen bis zum Pass Bocca a u Corsu auf. Von hier führte der sog. Briefträgerpfad zwischen Lariccio-Kiefern allmählich nach Südwesten, hinunter zum Figarella-Bach. Unter der Brücke, die den Bach überquerte, hat der Figarella eine schöne Gumpe in den Fels seines Bachbettes gewaschen. Wir nutzten diese herrliche Bademög-
lichkeit, um anschließend das letzte Wegstück bis zum Gasthaus von Bonifatu zurück zu legen. Hier schlugen wir auf dem zum Gasthaus gehörigen Campingplatz unsere Zelte auf.

Am nächsten Morgen begann unsere Wanderung mit einem Anstieg zur Carozzu-Hütte, von dort weiter zum Spasimata-Bach, der auf einer recht wackeligen Hängebrücke überquert werden musste. Es ging über glatt geschliffene, zunächst schräg abfallende Felsplatten weiter. Dazwischen kamen immer wieder kurze Kletterstellen, die aber, wo es kritisch wurde, mit Halteseilen gesichert waren. Nach etwa 5 Stunden erreichten wir den Muvrella-See in 1860 m Höhe. Von hier ging es über die Osterhasenscharte und die Bocca di Stagnu in einem steilen Abstieg zum 1422 m hoch gelegenen Wintersportzentrum Haut-Asco, der zweiten Station unserer Wanderung. Auf dem zur PNRC-Hütte gehörigen Platz schlugen wir unsere Zelte auf. In der Hütte konnte geduscht und auch gekocht werden. Es standen sogar Kochtöpfe und Geschirr zur Verfügung, wie wir es auch bei den noch folgenden korsischen Hütten vorfanden.

Der GR 20 führte uns am nächsten Morgen zwischen Lariccio-Kiefern hindurch allmählich ansteigend nach Südwesten. Schon bald hörte man das Rauschen eines Baches, der uns für die nächsten Stunden begleitete. Im Westen tauchten eindrucksvolle Granittürme auf, die Gipfel des Stranciacone und des Missoghiu. Als sich der Weg vom Bach löste, wurde er steiler. Nachdem ein kleines Kartal gequert war, erreichten wir nach einem weiteren Anstieg einen Schuttrücken. Hier soll einmal die Altore-Hütte gestanden haben, von der aber nichts mehr zu erkennen war. Weiter ging es zur Perdu-Scharte und zum Cirque de la Solitude, einem beeindruckenden engen Felskessel. Hier begann der schwierigste Teil des GR 20. Es musste ein Abstieg von 200 Höhenmetern über blanken, steilen Fels bewältigt werden. Der größte Teil war mit Ketten gesichert. Es folgte ein ähnlich steiler Aufstieg mit Kettensicherung zur Minuta-Scharte. Von dort ging es über Geröll und Felsplatten hinab in das Stranciacone-Tal. Schon von weitem konnte man die nächste Station auf dem GR 20, die Tighiettu-Hütte auf ihrem beeindruckenden stelzenartigen Unterbau erkennen.

Obwohl es bei der Hütte noch freie Zeltplätze gab, folgten wir dem GR 20 noch für eine halbe Stunde talwärts bis zur Bergerie de Ballon, wo man ebenfalls zelten konnte. Vor allem sollte es aber in der zu einem kleinen Restaurant umgebauten, ehemaligen Schäferei eine Auswahl an einfachen korsischen Spezialitäten geben.

Wir bereuten diese Entscheidung nicht. Innerhalb eines zum Schutze vor den halbwilden Hausschweinen errichteten Steinwalls fanden wir einen schönen Platz für unsere beiden Zelte. Das angebotene Menü, das aus einem wohlschmeckenden Salat, Wildschweinragout mit Nudeln und Käse oder Obst zum Nachtisch bestand, war genau das Richtige für uns ausgehungerte Wanderer.

Am nächsten Tag brachen wir mit leichtem Tagesgepäck zur Besteigung des Monte Cinto auf, dem höchsten Gipfel (2706 m) Korsikas. Es war ein recht einfacher aber langer Weg zum Gipfel. Anstiegen folgten immer wieder Abstiege, bevor man endlich den Gipfel erreichte. Wir hatten zwar schönes Wetter, aber leider keine gute Fernsicht.

Nach der Rückkehr zu unseren Zelten verwöhnten wir uns dafür mit dem gleichen Menü wie am Vortag.

Dann folgte ein Ruhetag, den wir zu einem Abstecher nach Calasime, einem kleinen Hirtendorf, das etwa zwei Stunden von den Bergeries entfernt lag, nutz-


ten. Dort sollte auch unser Proviant ergänzt werden. Auf dem Weg zum Ort sahen wir zum ersten Mal die vielgerühmten wilden Hausschweine in einem großen Rudel. Im Dorf selbst gab es zwar keinen Laden, aber es kamen Verkaufswagen in den Ort, so dass wir unsere Vorräte auffüllen konnten.

Am nächsten Morgen brachen wir dann zur nächsten Hütte, der Refuge de Ciottulu dii Mori auf. Zunächst ging es über 2 km auf einem angenehm zu gehenden Waldweg, dann stieg der Weg an, man hatte eine herrliche Aussicht auf die fünf markanten Zinnen der Cinque Frati. Über Geröll und Felsen ging es schließlich zum Foggiale-Pass und von hier weiter auf einem zunächst schwach ansteigenden, dann abfallenden Weg zur Hütte, in deren Nähe wir campierten.

Die nächste Etappe am folgenden Tag war mit 22 km die längste unserer Wanderung. Der Weg führte zunächst auf der Kammhöhe in einem weiten Bogen in westlicher Richtung. Man hatte einen schönen Ausblick auf die Westküste Korsikas, den wir an diesem Tag aber nur bedingt genießen konnten, da uns ein starker und kühler Wind vorantrieb. Es ging weiter hinunter ins Golo-Tal, das zu den schönsten Abschnitten des GR 20 gehört. Einer der Gründe dafür sind die vielen beeindruckenden Gumpen, die der Golo in den Granit des Bachbetts geschliffen hat.

Nach einiger Zeit wurde der Bach überquert, der Weg führte dann leicht ansteigend an den Bergeries de Radule vorbei durch einen Mischwald bis zum Wintersporthotel Castellu di Verhio. Von hier ging es zunächst auf einem ebenen Waldweg über eine längere Strecke weiter, bis er sich in Kehren hoch zum St. Pierre-Pass schraubte und weiter nach oben zur Passhöhe der Bocca â Reta. Nun ging es abwärts, am Nino-See vorbei, einem der größten Bergseen Korsikas. An der Ostküste des Sees entspringt der Tavignano, dem unser Weg über eine


weite Strecke folgte, bis er sich vom Wasserlauf entfernte und durch einen Buchenwald mit zum Teil sehr beindruckenden, mächtigen Bäumen führte. Von hier war es nicht mehr weit bis zur Hütte. Da in der Manganu-Hütte noch Lagerplätze frei waren, entschlossen wir uns, eine Nacht im Lager zu verbringen.

Ziel des nächsten Tages war die Petra Piana-Hütte. Über Felsen, Geröll, die hin und wieder leichte Klettereien notwendig machten, führte unser Weg nach oben und dann über eine längere Strecke in Kammhöhe hoch über dem Capitello- und dem Melo-See. Als wir schließlich den Soglia-Pass (2052m) erreicht hatten, stiegen wir weiter auf zum Haut Route-Pass, um von hier zur Petra Piana-Hütte abzusteigen. Bei der Hütte zelteten wir wieder zum Schutze vor Schweinen innerhalb von Steinwällen.

Die nächste Etappe sollte uns schon zur letzten Hütte auf unserer GR 20-Wanderung bringen. Unser Wegging zunächst durch das Manganello-Tal, an vielen schönen Badegumpen vorbei. Hier fanden wir auch die herrliche Gumpe mit dem kleinen Wasserfall, die in unserem Wanderführer, dem Outdoor-Handbuch "Trans-Korsika-GR 20" abgebildet ist.

Selbstverständlich ließen wir auch die Bergerie de Tolla nicht aus. Zwischen einigen Trockensteinbauten mit rostigem Wellblechdach standen zwei lange Holztische, an denen man mit leckeren korsischen Spezialitäten verwöhnt wurde. So gestärkt war der weitere Anstieg zur Onda-Hütte problemlos zu bewältigen.

Am letzten Tag stiegen wir zunächst 600 Höhenmeter hinauf zum Porca-Pass, dann abwärts an den Cascades des Anglais vorbei nach Vizzavona, dem Endziel unserer Bergwanderung.

Es folgten noch ein Besichtigungstag in Corte sowie zwei Badetage am Strand in der Nähe des Ortes Algajola, wenige Kilometer von Calvi entfernt, bevor uns der Zug wieder nach Bastia brachte, wo wir von Korsika Abschied nehmen mussten. Die Fähre brachte uns zurück zum Festland nach Livorno, von wo wir mit der Bahn die Heimreise antraten.

Es ist aber auch beabsichtigt, mit diesem Bericht den einen oder anderen neugierig zu machen, denn das Erwandern des südlichen Teils des GR 20 steht noch aus. Eine Bergtour in diesem Teil ist für den Frühsommer 2002 geplant.

Horst Gutzler