Auf den König der Karpaten (2004)
Am frühen Morgen des 10. September 2004 machten wir (Manuel Lauterbach und Martin Moder) uns mit dem Auto auf den Weg, um die etwa 1.150 Kilometer lange Strecke vom Rhein-Main-Gebiet in das kleinste Hochgebirge der Welt, die Hohe Tatra, zurückzulegen. Bereits nach fünf Stunden Fahrt war das erste Tagesziel erreicht. Wir stoppten in der etwa 25 Kilometer westlich von Prag liegenden Kreisstadt Beroun und nutzten den Nachmittag zur Besichtigung der Burg Krivoklát. Während sich am nächsten Morgen in Beroun die Straßen mit Besuchern des Töpfermarktes füllten, hieß es für uns Abschied nehmen. Immer der Europastraße E 50 folgend, ging es über Prag, Brno, Uherské Hradište, Trencin und ilina zügig in Richtung Poprad. Als wir nach siebenstündiger Fahrt unser Domizil in Vel´ky Slavkov erreichten, erwartete uns eine Überraschung. Die schöne Ferienwohnung des letzten Slowakeiaufenthalts stand nicht mehr. Jetzt erwartete uns eine Pension im westlichen Stil, wie man sie auch aus den Alpen kennt. Der einzige Unterschied war wohl der Übernachtungspreis von nur 9,- € pro Person und Nacht.

Am nächsten Tag strahlte die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Zur Akklimatisierung stand eine kleine Eingehtour zum Batizovske pleso auf dem Programm, einem Bergsee auf 1.884 Metern Seehöhe inmitten der höchsten Tatragipfel. Zunächst ging es auf einer Fahrstraße in Richtung Berghotel Sliezsky dom (Schlesierhaus). Nach etwa einer Stunde bogen wir auf einen gelbmarkierten Pfad ab, der zunächst durch Kiefernwald und später als Steig direkt zum See führte. Die Umgebung und das schöne Wetter luden zu einer Rast ein. Nach einer kräftigen Stärkung erkundeten wir die Umgebung und fanden schon rasch den Steig, der uns in den nächsten Tagen auf den höchsten Karpatengipfel bringen sollte. Einige Zirruswolken kündigten leider einen Wetterumschwung an und tatsächlich ließ der Regen nicht lange auf sich warten.
Am nächsten Morgen verhinderten tiefliegende Wolken den Blick auf die Bergspitzen. Wir entschieden uns für einen Ausflug an die polnische Grenze und befuhren dort mit einem Floß den Fluss Dunajec, der hier auf 16 Kilometern Länge die Staatsgrenze zwischen Polen und der Slowakei bildet. Ein interessanter Ausflug; immer Polen zur Linken und die Slowakei zur Rechten, Stromschnellen und stets fantastische Ausblicke auf die steil aufragenden Felsmassive des Pieniny-Nationalparks. Für den Dienstag war die Besteigung des Karpatenkönigs geplant. Die Orientierung sollte sich etwas schwierig gestalten, denn der Weg auf den höchsten Berg ist ab dem Bergsee Batizovske pleso nicht mehr markiert und darf laut den strengen Nationalparkregeln nur mit Bergführer begangen werden. Einzig und allein die Mitgliedschaft in einem Alpenverein (DAV, OEAV etc.) lässt hier eine Ausnahme zu und erlaubte uns das legale Verlassen der angelegten Wege und die Besteigung des Gipfels.
Bereits um sechs Uhr hieß es aufstehen. Glücklicherweise empfing uns beim Blick aus dem Fenster ein wolkenloser Himmel und unser heutiges Tagesziel, die Gerlachovsky štit (Gerlsdorfer Spitze), wurde bereits vom Licht der aufgehenden Sonne angestrahlt. Um kurz vor sieben parkten wir das Auto in Tatranska Poliana und begannen mit dem Aufstieg. Etwa 1.850 Meter Höhendifferenz waren zu bewältigen. Zuerst über die Fahrstraße in Richtung Sliezky dom, danach durch ausgedehnte Wälder, an Latschenbewuchs vorbei und über weitauslaufende Geröllfelder zog sich der Weg bergauf und stieß nach etwa eineinhalb Stunden auf die Tatra-Magistrale (Höhenweg, der sich am Südrand des Gebirgszugs von West nach Ost erstreckt). Von hier waren es nochmals etwa 30 Minuten zum Batizovske pleso.
Vom See aus führte zunächst ein Steig und später meist wegloses Gelände direkt an den Fuß des Gerlachmassivs. Die nächsten 150 Höhenmeter erklommen wir mit Hilfe von Drahtseilsicherungen und Haken. Etwa 20 Minuten später empfing uns die Batizovská proba. Nach Aussage der Bergführer handelte es sich hier um die Schlüsselstelle, die mit Eisenklammern versichert ist und daher einfach zu überwinden war. Danach ging es in einer Felsrinne direkt nach oben. Die Orientierung war wieder einfacher. Immer wieder musste man die Hände zur Hilfe nehmen, um Kletterstellen im I und II Schwierigkeitsgrat zu bewältigen. Gegen 12.30 Uhr war es geschafft. Manuel und ich standen auf dem mit 2.654 Meter höchsten Gipfel der Karpaten und der Slowakei. Die Mühen des Aufstiegs wurden mit einer herrlichen Aussicht belohnt. Lomnicky štit (Lomnitzer Spitze), mit 2.634 Metern zweithöchster und Ladovy štit (Eisspitze), mit 2.627 dritthöchster Berg der Hohen Tatra, lagen zum Greifen nah. Im Nordwesten erhob sich der 2.499 Meter hohe Rysy (höchste Erhebung von Polen). Während der Rast hatte ich das Glück, einen mittlerweile selten gewordenen Steinadler zu erspähen. Wir stiegen auf derselben Route bis zum See ab und erreichten nach einer Schlussrast im Berghotel Sliezsky dom (Schlesierhaus) im letzten Abendlicht wieder wohlbehalten und zufrieden unser Auto. Da in den folgenden Tagen die Wolken sehr tief hingen, beschlossen wir die nähere Umgebung zu erkunden.

Unser nächstes Tagesziel war Košice, die mit etwa 240.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt der Slowakei. Für die etwas mehr als 100 Kilometer fiel unsere Wahl auf die Eisenbahn. Bahnfahren ist in Osteuropa noch sehr preiswert, und für die Fahrkarte zahlt man nur € 3,75 pro Person und Strecke. In Košice selbst empfing uns nochmals der Sommer. Temperaturen von 27º Grad Celsius luden zum Bummeln ein. Wir besichtigten den Elisabethdom, der als das schönste gotische Bauwerk der Slowakei gilt und erfreuten uns an den komplett restaurierten Häuserzeilen der Altstadt. Abends stand ein Besuch der Golem-Brauerei auf dem Programm. Das selbstgebraute Bier und die kulinarischen Spezialitäten der Ostslowakei überzeugten uns auf Anhieb. Am letzten Tag folgte noch ein kleiner Abstecher mit dem Auto nach Polen. Die Straße führte zunächst am nordöstlichen Rand des Gebirges vorbei. Sehenswert war hier das Goralendorf diar. Die polnische Tatrametropole Zakopane, die für ihren eigentümlichen Baustil bekannt ist, liegt am Nordrand des Gebirges. Alles erinnerte uns an den Massentourismus der Alpen. Am Ortsrand grüßten die Liftanlagen, und Menschenmassen füllten die Straßen. Als wir am Abend wieder in der Slowakei ankamen, fühlten wir uns wie in eine stille und verträumte Märchenlandschaft zurückversetzt. Leider hieß es am nächsten Morgen schon wieder Abschied nehmen. Bei Sonnenschein und traumhafter Sicht auf die Hohe und die Niedere Tatra machten wir uns wieder auf den Heimweg. Über ilina, Trencin, Brno, Prag und Waidhaus ging es wieder zurück ins Rhein-Main-Gebiet.
Unser Fazit: Die Hohe Tatra ist trotz der großen Entfernung ein lohnendes Ziel für Wanderer und Kletterer. Das Preisniveau ist im Vergleich zu den Alpen noch sensationell niedrig. Die nähere Umgebung lädt unter anderem mit der Niederen Tatra und dem Slowakischen Paradies zu herrlichen Ausflügen ein, sodass es niemals langweilig wird.
Martin Moder
