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Über die höchsten Gipfel des Balkan

(Trekking in Bulgarien)

Bei der Frage, was man von Bulgarien kennt, erhält man von den meisten die Antwort: Schwarzmeerküste mit den Badeorten Gold- und Sonnenstrand. Dass Bulgarien aber auch über 5 Gebirge verfügt, ist den meisten nicht bekannt. Wir (das sind Manuel, Alex und Martin) haben uns im Sommer letzten Jahres entschlossen nach Bulgarien zu fahren, um zwei Gebirge zu durchwandern. Die Entscheidung viel auf das Rila- und das Pirin-Gebirge, da diese die höchsten Punkte des Landes aufweisen.

Am 16. September 2000. war es dann endlich soweit. Mit einer russischen Tupolew, die weit besser als ihr Ruf war, flogen wir über Hannover nach Burgas am Schwarzen Meer. Von dort nahmen wir den Nachtzug nach Sofia. Die 500km lange Strecke kostete umgerechnet nur ca. DM 16,50. Hierbei war das Bett im Schlafwagen schon inbegriffen. Wir besichtigten die Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt und nachmittags machten wir uns auf, um in das Rila-Gebirge zu kommen. Unsere Tour begann in Borovez, dem wohl bekanntesten Wintersportort im Westen Bulgariens. Über einen zunächst breiteren Weg, später über einen von zweimeterhohen Latschenkiefern zugewucherten Steig gewannen wir rasch an Höhe und erreichten bereits nach 3 Stunden die Bergstation des Skigebietes. Von hier hatte man eine herrliche Aussicht auf die Granitfelsen des Mussalamassivs und in der Ferne sah man die Höhenzüge des Balkangebirges. Wir verweilten nur kurz zu einer kleinen Mittagsrast, um unser Tagesziel, die Mussala-Hütte, zu erreichen.

Die Mussala-Hütte ist mit 2389m die höchstgelegenste Berghütte in Bulgarien. Sie ist gleichzeitig Ausgangspunkt für den Mussala, den mit 2925m höchsten Berg Bulgariens und der gesamten Balkanhalbinsel. Zusammen mit einem bulgarischen Ehepaar, einer Tschechin und einem Israeli, bestiegen wir diesen Berg am nächsten Tag unter widrigen Wetterverhältnissen. Es begann zu schneien und die Sichtverhältnisse verschlechterten sich zusehends. Auf dem Gipfel angekommen schien der Wettergott Mitleid zu haben und schickte uns für 5 Minuten eine Wolkenlücke. Wir konnten die wunderbare Aussicht genießen. Von hier wanderten wir zügig auf dem Hauptkamm weiter. Erst spät am Abend erreichten wir durchnässt, aber zufrieden die Grančar-Hütte.

Von der Grančar-Hütte (sie verfügt über keinen Stromanschluss, ist aber dennoch die für uns schönste Hütte im Rila-Gebirge) stiegen wir wieder zu dem Hauptkamm auf. Zusammen mit dem bulgarischen Ehepaar ging es noch vier Stunden über den Rila-Höhenweg gen Süden, bevor sich unsere Wege trennten und wir in Richtung Ribni-Esera-Hütte und Rila-Kloster weiterwanderten. Es ging weiter über den verdorrten Hauptkamm. Der 2691m hohe Kanarata lud uns mit seinem schroffen Felsgipfel zu einer Besteigung ein. Ein fantastisches Panorama entschädigte für den mühevollen Aufstieg. Danach erfolgte der Abstieg zur Ribni-Esera-Hütte, die durch die Forellenzucht in den nahegelegenen Bergseen berühmt wurde. Das etwas eigenbrötlerische Hüttenwirtsehepaar lies uns die Hütte aber nicht unbedingt in guter Erinnerung behalten.

Nach vier Tagen über 2000 Metern kam nun der Abstieg zum Rilakloster. Es zählt zu den Hauptsehenswürdigkeiten des Landes und ist mit seinem Turm aus dem 14.Jht. und den im 19.Jht. errichteten Hauptgebäuden wirklich sehenswert. Mit dem Bus ging die Reise über Kočerinovo und Blagoevgrad weiter in Richtung Bansko, den Ausgangspunkt für Wanderungen im Pirin-Gebirge.

Der Aufstieg zur 1950m hohen Vihren-Hütte erfolgte nachmittags in größter Hitze. Obwohl es schon Ende September ist, erreichten die Temperaturen nochmals etwa 32°C. Nachts ging ein heftiges Gewitter nieder, das über 2500m etwa 5cm Neuschnee hinterlies. Am nächsten Morgen erklommen wir den 2914m hohen Vihren in einer neuen Rekordzeit von 1 Std. und 50 Minuten. Ohne die schweren Tourenrucksäcke war dies auch kein großes Problem. Leider zogen sich die Wolken zusammen und die Aussicht beschränkte sich auf ungefähr 50 Meter. So tranken wir mit einer bulgarischen Bergsteigergruppe einen Gipfelschnaps und stiegen zur Hütte ab.

Nach kurzer Mittagsrast wurden die Rucksäcke geschultert, um in das Nachbartal zu gelangen. Während einer Rast zwischen Latschenkiefern, kam es zu einem Wiedersehen mit unseren bulgarischen Freunden, die uns gleich auf einen kleinen Umtrunk einluden. Der Nebel zog sich immer weiter zu und man sah kaum noch die Hand vor Augen. Jeder von uns war froh, als die Demjanitza-Hütte aus dem Nebel auftauchte.

Am nächsten Tag folgte die Königsetappe. Schon kurz nach Verlassen der Hütte riss der Nebel auf und die Sonne kam heraus. Uns eröffnete sich ein herrlicher Ausblick auf die felsigen Gipfel des Pirin-Gebirges, die im Gegensatz zum Rila-Gebirge einen sehr alpinen Charakter aufweisen. Glasklare Bergseen säumten unseren Weg und die schöne Natur lud zum Zelten ein. Leider verschlechterte sich das Wetter wieder und zielstrebig marschierten wir weiter in Richtung Pirin-Hütte. Nach sieben Stunden erreichten wir endlich die letzte Passhöhe. Von nun an ging es nur noch bergab. Über Almwiesen und zahlreiche Bergbäche führte der Weg nun sanft talabwärts aus dem Gebirge heraus. Schon nach kurzer Zeit erreichten wir die Latschenzone, die direkt in einen Mischwald übergeht. Im letzten Licht kamen wir an unserem Tagesziel an. Der Hüttenwirt bereitete uns eine Bohnensuppe zu und ein gemütlicher Hüttenabend mit argentinischer Musik und bulgarischem Bier lies uns die Strapazen des Tages vergessen.

Am letzten Tag unserer Tour verließen wir das Pirin-Gebirge in Richtung Melnik. In der Ferne tauchten die Bergkämme von Mazedonien auf. Zur griechischen Grenze sind es von hier nur noch 17 Kilometer. Melnik ist ein romantisches, von wilden Sandsteinformationen eingebettetes Bergdorf, das durch seinen Wein weltbekannt wurde. Nach einer weiteren Nacht in einer Privatunterkunft (das ganze Haus zum Preis von DM 15,-) ging es über Sandanski und Sofia wieder mit dem Nachtzug zurück an die Schwarzmeerküste. Wir erholten uns noch zwei Tage am Goldstrand.

Im Morgengrauen des 30. September landete unser Flugzeug wieder auf dem Frankfurter Flughafen. Hinter uns lagen zwei sehr interessante Wochen mit unvergesslichen Eindrücken und interessanten Landschaften. Abschließend bleibt zu sagen, dass die Hilfsbereitschaft und die Gastfreundschaft, die dem Ausländer in Bulgarien entgegengebracht wird, in Europa seinesgleichen sucht. Uns hat Bulgarien so gut gefallen, dass wir bereits jetzt die nächste Reise in die Balkanrepublik planen. Im nächsten Jahr soll es in die Rhodopen gehen.

Martin Moder