Das Pitztal – die Heimat unserer Rüsselsheimer Hütte
Viele
Mitglieder unserer Sektion sind schon im Pitztal gewesen. Für einige
ist das Tal schon zur zweiten Heimat geworden – im Urlaub hat man das
Tal kennen und lieben gelernt. Andere sind auf dem Weg zur Rüsselsheimer
Hütte – bei Arbeitsausfahrten oder Sektionsausfahrten – schon
durch das Pitztal gefahren, aber eben nur „durch“ ohne das Pitztal,
außer als Weg zum Ziel, wahrzunehmen. Wieder andere waren noch gar nicht
da. Das ist schade. Was verschiedene Führer zum Pitztal berichten, habe
ich zusammengestellt, um das Pitztal als Standort unserer Hütte mit Leben
zu erfüllen.
Das
Pitztal liegt in Nordtirol und ist eines der fünf Haupttäler der
Ötztaler Alpen. Es zweigt bei Imst vom Inntal ab und zieht sich knapp
40 km lang nach Süden, bis es schließlich in der Welt der Ötztaler
Eisriesen mit dem markanten Mittagskogel und dem Mittelbergferner endet. Der
Mittelbergferner ist der Ursprung des Pitzebachs, der das Tal durchfließt
und vor der Einmündung in den Inn bei Arzl die sehenswerte Pitzeklamm
in das weiche Kalkgestein gegraben hat.
Das Pitztal hat zwei sehr gegensätzliche Gesichter: im vorderen Tal laden
der weite Talboden und die sanft geneigten Hänge zu Spaziergängen
und Wanderungen ein. Das Innerpitztal dagegen, das bei Jerzens beginnt, hat
einen schluchtartigen Charakter. An den steilen, oft über 1000 m hohen
Hängen, rauschen im Sommer zahlreiche Wasserfälle ins Tal hinab,
im Winter sind Lawinen keine Seltenheit. Die Begrenzungen des Tals bilden
auf der Ostseite der Geigenkamm mit Fundusfeiler (3080 m), Luibiskogel (3112
m) und Hoher Geige (3395 m, Hausberg der Rüsselsheimer Hütte). Auf
der Westseite wird das Pitztal durch den Kaunergrat mit der Rofelewand (3354
m), Verpeilspitze (3425 m) und Watzespitze (3533 m) begrenzt. Am Talende überragt
die Ötztaler Wildspitze, der höchste Berg Tirols, (3774 m) alle
Gipfel der Umgebung.
Die Ortschaften des Pitztals lohnen alle einen Besuch. In Arzl am Talbeginn
findet man Überreste einer prähistorischen Siedlung, der Osterstein
ist ein Kultplatz aus vorchristlicher Zeit. Im Ortsteil Wald findet man bis
zu 40 m hohe Sandpyramiden, eine besondere Sehenswürdigkeit der Natur.
Arzl und Wald werden durch die höchste Fußgängerhängebrücke
Europas miteinander verbunden.
Die
Pitzeklammbrücke bietet schöne Blicke in die Klamm und ist Turngerät
für Bungeejumping, Abseilen, Brückenkraxeln usw. Wenns, der Hauptort
des Pitztals, hat noch einige sehenswerte sehr alte Häuser, besonders
erwähnenswert das Platzhaus aus dem 16. Jh. mit einer aufwendigen Komplettbemalung
der Ost- und Südseite.
Der letzte Ort des vorderen Tals ist Jerzens, das durch das groß ausgebaute Skigebiet am Hochzeiger ein bekannter Wintersportort ist.
Das
innere Pitztal beherbergt die Gemeinde St. Leonhard, ein Zusammenschluss der
zwei Dutzend Weiler und Dörfchen, die sich über 25 km bis ans Talende
erstrecken. Hier findet man den Pitzexpress, eine Schrägstollen-U-Bahn
von Mittelberg durch den Mittagskogel zum bekannten Pitztalgletscherskigebiet,
das auch Sommerskifahren möglich macht. Am Talende am Mittelbergferner
wird der Rückgang der Gletscher sehr anschaulich: Reichte die Gletscherzunge
des Mittelbergferners vor 100 Jahren noch bis fast an die letzten Häuser
von Mittelberg heran, muss man nun zwei Stunden emporsteigen, um den Gletscher
zu erreichen. Bis zum Bau des Pitzexpress 1983 war insbesondere das Innerpitztal
sehr abgelegen und arm gewesen. Ursprünglich bildete es den Almgrund
von Imst und dem äußeren Pitztal, das die Bewohner mit Viehzucht,
Käserei, Flachsanbau und Holzfällerei mehr recht als schlecht ernährte.
Die kurzen Sommer wurden von häufigen Schneefällen gestört,
Lawinen und Muren brachten weitere große Probleme. Zum Überleben
blieb häufig nur die Auswanderung aus dem Tal, zumindest zeitweise als
Saisonarbeiter. Erst durch den Beginn des Tourismus Ende des 18. Jh. konnte
die Entsiedelung langsam zurückgedrängt werden. Die ersten Alpenvereinshütten
des Tales als Folge des zunehmenden Interesses an der Bergwelt waren 1874
das Taschachhaus und 1892 die Braunschweiger Hütte. Unsere Hütte
folgte 1926, sie wurde damals unter dem Namen „Neue Chemnitzer Hütte“
von der Sektion Chemnitz errichtet. Sehr beschwerlich war anfangs der Weg
zu
den
Hütten. Ab 1894 gab es zwar einen Bahnhof in Imst, ab da musste man aber
mit der Postkutsche weiter nach Wenns und dann sogar zu Fuß nach Mittelberg,
um von dort dann zu den Hütten aufzusteigen. 12 Stunden Fußmarsch
waren da mindestens zu bewältigen. Eine durchgehende Fahrstraße
und auch elektrischen Strom bis Mittelberg gab es erst seit Ende der 50er
Jahre. Insbesondere auch durch die Erschließung des Pitztalgletscherskigebietes
1983 stieg der Tourismus markant an. Das Gletscherskigebiet löste einen
großen Bauboom aus und brachte endgültig neues Leben auch in das
Innerpitztal. Positiv ist das Stoppen der Verarmung und Landflucht, auf der
anderen Seite haben die vielen Neubauten nicht nur zur Verschönerung
des Tales beigetragen. Mittlerweile ist die Ausübung zahlreicher Sportarten
im Tal möglich: Langlauf, Alpinskifahren, Reiten, Mountainbiking, Tennis,
Rafting, Paragleiten, Bergsteigen in allen Varianten...
Wir Bergsteiger bevorzugen natürlich die Bergwelt, die im Pitztal lohnenswerte
Ziele bietet. Direkt an unserer Rüsselsheimer Hütte beginnt der
Mainzer Höhenweg, d
er
über mehrere Dreitausender-Gipfel und durch kleinere Gletscherbecken
zur Braunschweiger Hütte führt. An der Rüsselsheimer Hütte
lassen sich direkt in Hüttennähe zahlreiche Steinböcke beobachten,
die hier ihr Revier haben.

Eine Wanderung von der Hütte zum Aussichtspunkt Gabinten über den Rüsselsheimer Weg führt ebenfalls durch Steinbockland. Diese Wanderung kann als Hüttentour verlängert werden, wenn eine Nächtigung in der unbewirtschafteten Hauerseehütte eingeplant wird. In weiteren drei Tagesetappen kann man dann über die Frischmannhütte und die Erlanger Hütte und abschließend auf dem Forchheimer Weg bis nach Roppen im Inntal gelangen. Die Hohe Geige, der Hausberg der Rüsselsheimer Hütte und ein Top-Aussichtsberg, ist von der Hütte aus über drei unterschiedlich schwere Anstiege zu besteigen. Weitere Höhenwege im Pitztal sind der Fuldaer Höhenweg von der Riffelseehütte zum Taschachhaus, der Cottbuser Höhenweg von der Riffelseehütte zur Kaunergrathütte und der Neue Offenbacher Weg, der ebenfalls von der Riffelseehütte zum Taschachhaus führt.

Eistouren sind von der Braunschweiger Hütte und dem Taschachhaus aus
möglich, u. a. zur Ötztaler Wildspitze. Ab Mittelberg kann man auf
einem Teilabschnitt des Europäischen Fernwanderwegs Nr. 5 ins Venter
Tal im Ötztal wandern.
Wir wünschen allen Lesern Berg Heil und viele weitere schöne Bergjahre,
insbesondere allen, die nun Lust bekommen haben, dem Pitztal und auch unserer
Hütte mal einen Besuch abzustatten. Es lohnt sich!
Sybille Fritsch-Kroepsch
