Pitztaler Höhenwege
Erinnerungen eines Pitztalkenners
Das Pitztal: "Links Felsen, rechts Felsen und in der Mitte drin ist -nichts-", so steht es in "Amthors Alpenfreund", geschrieben von dem Ende des 19. Jahrhunderts bekannten Alpenschilderers Dr. von Hörmann.
In den letzten 100 Jahren hat sich da einiges geändert. Neben den alten Bauernhäusern sind schöne Gasthöfe entstanden. Auch das Eintreffen eines Fremden wird nicht mehr, wie im Jahre 1858, durch den Pfarrer im Kirchenbuch von Planggeroß vermerkt, in dem das Eintreffen des k.u.k. Hofadvokaten Dr. Anton Ruthner, der mit zwei Führern ins Pitztal gekommen war, als "Heldentour" beschrieben wurde. Ein Jahr später passierte kein Fremder das Pitztal, außer einem Bär, der bei Trins geschossen wurde. Nach dem Bau der Braunschweiger Hütte im Jahre 1892 wurden in Planggeroß schon 134 Fremde gezählt.
Mit der Ruhe im Pitztal war es endgültig vorbei, nachdem die Sektion Mainz den Verbindungsweg zwischen der Braunschweiger und der Neuen Chemnitzer Hütte fertiggestellt hatte und darüber im Fernsehen ein Film gezeigt wurde. Ich hatte dabei die ehrenvolle Aufgabe, dem ARD-Team als Träger zu dienen. Nach den großen Reden der Einweihungsfeierlichkeiten bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob die Berge nicht doch hören und sehen können: Denn nach etwa einer Stunde machten sie allen bedeutungsvollen Reden durch ein kleines Gewitter ein Ende. Im Anschluss daran beging ich den Weg noch einmal mit meinem langjährigen Bergfreund, Prof. Dr. Erich Muscholl. Wir waren natürlich etwas spät, als wir gegen 8.00 Uhr in Planggeroß nach einem ausgiebigen Frühstück losgingen. Als wir 1,5 Stunden später beim Ferdl in der Neuen Chemnitzer Hütte zum zweiten Male frühstücken wollten, hing ein Schild an der Tür: "Bin zur Kirche, komme gleich wieder!"
Weiter ging es über den großen Moränenkegel hinauf ins Weißmaurachkar. Dort lagen uns Steinböcke im Weg. Kamera raus, Wind geprüft, Objektivwechsel, mit Tele angepirscht, ein Bild, Film war voll! Nach dem Filmwechsel getraute ich mich immer näher an die Steinböcke heran, bis ihnen die Sache zu dumm wurde und sie stolz davon schritten. Auch wir schritten davon, doch weniger stolz, denn der Weg zum Weißmaurachjoch ist sehr steil und anstrengend. Dann standen wir am Joch. Mein Freund schaute nach Westen, wo dicke Wolken mit beängstigender Geschwindigkeit über den Kaunergrat zu uns herübertrieben. Umdrehen oder weitergehen? Angesichts des östlich noch immer strahlend blauen Himmels plädierte ich fürs Weitergehen. Wir gingen jedoch erst weiter, nachdem mein Freund aus seinem streichholzschachtelgroßen Radio nach Kirchenglocken und Mittagskonzert den Wetterbericht gehört hatte.
Über den Nordostsporn des Puitkogels stiegen wir hinauf und querten in knietiefem Schnee bis zur Scharte in der Grubigkarleswand. Wir überschritten die kleine Scharte und gingen über den nördlichen Puitkogelferner zum Knappenloch und von dort hinauf zum Frühstücksplatz. An dem Stahlseil turnten wir durch eine steile Rinne hinunter auf den südlichen Puitkogelferner, den wir in gleicher Höhe überquerten. Nachdem wir den mächtigen Felssporn des Puitkogelsüdgrat überstiegen hatten, gingen wir über das Firnfeld zwischen Sonnen- und Wassertalkogel hinauf zur Gratscharte, um zum Wassertalkogel hinaufzusteigen.
Gegen 16.30 Uhr erreichten wir das Biwak, freundlich begrüßt von drei Bergsteigern, die uns gleich mit Tee bewirteten. Wir bekamen auch noch etwas von den Nudeln ab, die sie nach altem Bergsteigerrezept in Salzwasser gekocht hatten (ein Rezept für Ehefrauen, die einen Scheidungsgrund suchen). Mit Rotwein wurden dann aber sogar die Nudeln zu einem "Festessen". Später standen wir vor der Biwakschachtel und erlebten einen großartigen Sonnenuntergang. Ich musste hierbei an die uralten Fragen denken, die auch Regisseur Schulz während der Dreharbeiten zu dem Fernsehfilm an mich gestellt hatte: "Warum nimmt der Bergsteiger Mühen und Strapazen auf sich? Warum Bergsteigen?" Hätte Herr Schulz öfters solche Sonnenuntergänge in den Bergen erlebt, würde er bestimmt diese Fragen nicht mehr stellen.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als wir am nächsten Morgen erwachten. Es war 10 Uhr, als wir in Richtung Braunschweiger Hütte losgingen, weil wir uns von diesem schönen Platz gar nicht trennen wollten. Hier stellt sich die Frage: Soll der Mainzer Höhenweg in Nord-Süd-Richtung oder in Süd-Nord-Richtung begangen werden? Für die Gegenrichtung spricht: die Aussicht auf die Berge des Ötztaler Hauptkammes, der zweite Teil des Weges ist bei einbrechendem Nebel leichter zu finden, da er fast immer am Grat verläuft. Für die Süd- Nord-Richtung spricht: weniger anstrengend, Ausgangspunkte Braunschweiger Hütte oder Rettenbachjoch liegen höher, einige steile Schneefelder und der steile Hang vom Weißmaurachjoch sind im Abstieg zu begehen. Wir wanderten über den Gschrappkogel, Wildes Mannle und Wurmsitzkogel, den Gipfel beider Polleskogel umgehend, zum Pitztaler Jöchl. Der Weg ist hervorragend markiert und an ausgesetzten Stellen mit Seilen versichert.
Nachdem wir vom südlichen Pollesjoch an der Stahlseilversicherung hinuntergeturnt waren, befanden wir uns nach einsamer Gratwanderung plötzlich wieder mitten unter Menschen, die auf der neu erbauten Rettenbachstraße bis zum Rand des Rettenbachferners mit dem Auto fahren können. Vom Pitztaler Jöchl eilten wir schnellen Schrittes der Braunschweiger Hütte entgegen. Nach einem guten Mittagessen lagen wir zufrieden im Gras und träumten, bis wir von der Frage eines herankeuchenden Touristen aufgeschreckt wurden: "Wo ist denn hier die Wildspitze?" Ich zeigte sie ihm. Darauf erwiderte er: "Wat, det soll die Wildspitze sein? Dat Matterhorn ist aber schöner!", sprach's und verschwand in der Hütte.
Am nächsten Morgen Nebel. Mit dem klugen Spruch auf den Lippen, es gibt kein schlechtes Wetter sondern nur schlecht ausgerüstete Bergsteiger, zogen wir los. Wegen einsetzenden starken Schneefalls gingen wir vom Mittelbergjoch über die rechte Seitenmoräne des Taschachferners zum Taschachhaus und nicht wie geplant, über die Wildspitze, Petersenspitze und Pitztaler Urkund.
Die Berge waren verschneit, als wir am nächsten Morgen vom Taschachhaus über den Fuldaer Weg zum Riffelsee gingen. Vom Fuldaer Höhenweg hat man eine sehr schöne Sicht zum Taschachferner und in das Taschachtal. Am Riffelsee entlang gingen wir den Cottbusser Weg, der eindrucksvolle Tiefblicke in das Pitztal bietet. Hierbei erinnerte ich mich wieder an ein Erlebnis mit vier Bergfreunden: Wir gingen im Nebel den Cottbusser Weg. Als sich der Nebel lichtete und die eindrucksvollen Berge des Geigenkammes plötzlich sichtbar wurden und man tief hinunter ins Pitztal sehen konnte, rief einer meiner Freunde: "Mein Gott Walter, einen solchen Weg bist Du mit mir gegangen! Ich bin doch gar nicht schwindelfrei. Wenn ich das vorher gesehen hätte, keinen Schritt wäre ich gegangen."
Angesichts der markanten Watzespitze liefen wir hinunter ins Planggeroßtal und über den Hüttenweg von der Kaunergrathütte hinunter nach Planggeroß. Der Kreis der Umwanderung des Pitztales hatte sich geschlossen.
Walter Hellberg
Sektion Mainz
