Der Herdtransport
Notizen eines Mainzer Alpinisten von einem Anstieg
zum Mainzer Höhenweg
im Jahre 1980
Fürchterlicher Lärm ertönte in der sonst so ruhigen Bergwelt rings um die Neue Chemnitzer Hütte. Einer meiner Tourengefährten meinte: "Da sind wohl Messners Fans am Werk und setzen seinen Vorschlag in die Tat um, die AV-Hütten abzureißen, womit die Ursprünglichkeit der Bergwelt wieder hergestellt werden soll."
Aber es war ganz anders: Der Bautrupp der Sektion Rüsselsheim unter der Leitung von Martin Reichenbächer, genannt Maddin, und eines Seniors (Adolf Hofmann sen. - 70 Jahre), war dabei, mit Pickeln und Vorschlaghämmern ein großes Loch in die Außenmauer der Hütte zu schlagen. Umbauarbeiten an der Neuen Chemnitzer Hütte waren notwendig geworden, und auch ein Materiallift musste herbei. Als dieser fertig war, war auch das Geld der kleinen Sektion alle. Nun ist ein solches nicht schlimm, wenn eine Sektion Mitglieder hat, die gewillt sind, sich zu engagieren und umsonst zu arbeiten. Sie arbeiteten!
Mit lautem Hallo begrüßte der Senior Adolf meine Freunde und mich. Während er mir die Geschichte von dem Herd erzählte, schrie der Reinhold ganz fürchterlich. Der 1. Vorsitzende der Sektion Rüsselsheim, im Alltag gewohnt nur mit Bleistift und Federhalter umzugehen, hatte sich gewaltig auf die Finger geschlagen.
Es wurde aber nicht nur fleißig gearbeitet, auch die Ohren wurden gespitzt. So hatte der Maddin erfahren: Das benachbarte Taschachhaus bekommt einen neuen Küchenherd. Auch dort war man am Umbauen. Die meiner Meinung nach recht komfortable AV-Hütte wurde den Ansprüchen von Teilnehmern der DAV-Hochtourenkurse bei weitem nicht mehr gerecht. (Der ÖAV hat mit dem Bau der Rudolfshütte ein beispielhaftes Zielprojekt geschaffen). Der an sich noch gute Küchenherd war für den kommenden (Hotel-) Hüttenbetrieb nicht mehr gut genug.
Also stieg Maddin mit seinen stärksten Männern von der Hütte herab. Sie charterten sich in Planggeroß ein Transportfahrzeug und fuhren durchs Taschachtal bis zum Talschluss, stiegen hinauf zur Hütte und schafften mit größter Mühe den Herd in den Transportlift.
Der Herd schwebte zu Tale, und die Männer rannten hinterher. Als der Herd dann endlich auf dem alten Jeep lag, fuhr man erfolgserlebnisbewusst wieder Richtung Neue Chemnitzer Hütte. Aber der Maddin hatte trotz gespitzter Ohren nicht gehört, dass die Brücke über den Taschachbach erneuert werden sollte. Fleißige Arbeiter hatten die alte schon mal abgerissen und dann Feierabend gemacht. Kurzentschlossen griffen die Ofentransporteure zu den Schaufeln und schütteten das Bachbett einfach zu. Kein Problem, denn das Taschachwasser wird seit einigen Jahren durch einen Tunnel in den Gepatsch-Stausee geleitet. (Und da wird in der "Bergwelt" immer über das Ableiten von Bergbächen geschimpft!)
Abenteuerlich und mühevoll hatte man den Herd bis zur Hütte gebracht, und jetzt ging er nicht durch die Tür! Kurzerhand brach man eine neue Türöffnung, daher der anfänglich erwähnte Lärm. (Die neue Tür war im Umbauplan vorgesehen.)
Zum Abendessen gab es den zur Jagdzeit obligatorischen Gamsgulasch, geschmort auf dem neuen, alten Küchenherd. Dazu muss bemerkt werden: Jagdpächter können im Pitztal Gämsen schießen, die Trophäen ausführen, aber das Fleisch muss im Pitztal bleiben.
Walter Hellberg
Ehemals Wegewart der Sektion Mainz
