Die "alte" Jugend
Ludwig Fritz, Jugendleiter in den 60er und 70er Jahren erinnert sich. Aus
dem Bericht „Unsere Sektionsjugend“, den Karl-Heinz Schwab für
den Rundbrief 9/1960 geschrieben hat, entnimmt er folgende Zeilen:
„... Dass sich diese innere Einkehr, das Zurückfinden zum eigenen
Ich, zu der Quelle persönlicher Kraftentfaltung, trotz oder gerade auch
bei schlechten Witterungsverhältnissen vollziehen kann, das wurde im
letzten Rundschreiben auf sehr klare und einleuchtende Weise uns plausibel
zu machen versucht. Die Menschen, die immer das Beste aus allem machen, das
Positive im Negativen sehen und so ständig die Nutzanwendung auf das
Schöne und Gute aus den Unbilden des Lebens herauszulösen wissen,
sind Optimisten im wahrsten und echtesten Sinne des Wortes.
Zu diesen Optimisten gehört schon seit jeher die Jugend, die schnell
vergisst und schnell sich tröstet, auf Gewonnenem aufbauend und auf Besseres
hoffend.
Von dieser Jugend soll heute die Rede sein. Wer in letzter Zeit aufmerksam
die Zusammenkünfte der Sektion miterlebte, der spürte, dass auch
ein Zweig unserer Gemeinschaft einen neuen Anfang gefunden und neuen Auftrieb
bekommen hat: Die Jugendgruppe bzw. die Jungmannschaft.
Wohlwollende Spötter haben schon den Ausdruck „Renaissance-Jugend“
geprägt; sind doch die meisten über die Grenze der frühen Jugend
hinaus. Aber sie ließen sich noch einmal begeistern, nicht zuletzt dank
des neu gewählten Jugendleiters (Friedel Meister, offiziell ab 02.04.1960),
der auch nicht mehr der Jüngste, aber einer der Aktivsten ist. Da er
die ältere Jugend weniger beaufsichtigen und führen als vielmehr
anregen und zusammenhalten muss, ist seit einem halben Jahr ein lebhafter
Wechsel von Planung und Ausführung im Gange.
Im Vordergrund steht das Klettern, das für eine alpenferne Sektion, wie
wir es leider sind, nicht ganz einfach ist. Doch die bisherigen Fahrten in
die Lorsbachwand, in die roten Sandsteintürme um den Asselstein in der
Pfalz und in das rheinische Morgenbachtal bewiesen, dass dort, wo ein Wille
ist, sich immer ein Weg finden lässt. Wir waren mit dem Auto, mit dem
Zug und nicht zuletzt mit dem Fahrrad unterwegs, schliefen im Zelt, in Hütten
und, wenn es nicht anders ging, auch mal im Gasthaus...“
Den Übergang von der bereits in dem Beitrag von Ernst Streck erwähnten
„Renaissance-Jugend“ in die Folgegeneration schildert er wie folgt:
Ludwig Fritz, Karl-Heinz Arras und Pedro Moder wurden zum zweiten bzw. ersten
Jugendleiter nach dem Ausscheiden von Friedel Meister gewählt.
Leider
hatten wir für unsere wöchentlichen Treffen keinen geeigneten Raum,
um Theorie, Planungen und Seilknoten zu üben. Meist im Nebenzimmer von
Gaststätten, die jedoch bald wieder gekündigt wurden, da die Jugendlichen
zu wenig verzehrten – wer von uns hatte denn hierfür auch Geld!
Ein Glücksfall löste das Problem. Unser späterer erster Vorsitzender
Reinhold Jablonski, damaliger Leiter der Opel-Wohnheime, stellte uns dort
einen Raum zur Verfügung. Ab diesem Zeitpunkt ging es richtig „bergauf“.
Durch Regionalschulungen der Jugendlichen in Hessen ergaben sich rege Verbindungen
zu anderen Sektionen, wie Frankfurt, Hanau, Wiesbaden und besonders zu Marburg.
Gemeinsame Veranstaltungen an den Eschbacher Klippen und an der Steinwand
in der Rhön brachten nachhaltige Erlebnisse.
Eine besondere und sehr erfolgreiche Veranstaltung war der von unserer Sektion
durchgeführte Kletterwettbewerb an der Steinwand, für die damalige
Zeit etwas Außergewöhnliches. Hierbei ging es nicht um Schnelligkeit,
sondern um „Technik und Sicherheit“ Nach einem Punktekatalog wurde
das Anseilen, Knoten, Standplatz einrichten und Seilkommandos bewertet. Die
besten Seilschaften erhielten kleine Preise.
In der Zeit zwischen Frühjahr und Herbst waren wir in den umliegenden
Fels- und Wandergebieten, sowie in Österreich, Italien oder der Schweiz
sehr aktiv und erfolgreich. Um jedoch die Wintermonate nicht ohne sportliche
Betätigungen verstreichen zu lassen und im Frühjahr rechtzeitig
fit zu sein, fanden wir uns zu lockeren Gymnastikabenden zusammen. Viele hatten
auch inzwischen Spaß am Skifahren gefunden und unser Gymnastikabend
wurde daher unter fachkundiger Leitung von Rolf Barth auch zur Skigymnastik
ausgebaut, die noch heute in etwas anderer Form besteht und sich großer
Beliebtheit erfreut.
Sehr schwierig war die Finanzlage. Die Sektion konnte wegen anderer Aufgaben
nur geringe Mittel für die Jugendarbeit zur Verfügung stellen. Durch
unzählige Anträge für Zuschüsse an Stadt, Kreis und Landesverband
sowie den Einsatz eigener Mittel war es möglich, unsere Programme und
Ziele, besonders in den Alpen, mit Erfolg durchzuführen.
Unsere Ausbildung und Aktivitäten sollten besonders den jungen Sektionsmitgliedern
helfen, in einer Gemeinschaft zu leben, sich gegenseitig zu respektieren und
sich in schwierigen Situationen beizustehen.
Trotz aller Vorsicht überschatteten zwei tragische Unfälle unsere
Bemühungen, die Gefahren in den Bergen jedem bewusst zu machen. Bei der
Begehung einer schwierigen Route an der „Gelben Mauer“ am Untersberg
bei Berchtesgaden stürzte am 1. Mai 1969 der Seilpartner von Pedro Moder,
Hubert Kohl, tödlich ab. Er war ein erstklassiger Kletterer und hoffnungsvolles
Talent. Für uns alle war es unfassbar, als wir die Unglücksmeldung
erhielten. Ein weiterer tragischer Unfall ereignete sich bei einer Skiausfahrt
zur Rastkogelhütte. Um die Aussicht zu genießen, gingen einige
Jungmannschaftsmitglieder auf eine kleine Erhebung unmittelbar hinter der
Hütte. Ein harmlos aussehender kleiner Schneerutsch brachte Frieder Bechtold
aus dem Gleichgewicht und begrub ihn im lockeren Schnee. Dabei erlitt er einen
Halswirbelbruch und konnte nur noch tot geborgen werden.
Wir werden die verunglückten Bergfreunde als lebensfrohe Kameraden, die
so plötzlich und allen unfassbar aus unserer Mitte gerissen wurden, stets
in unserer Erinnerung behalten.
Ludwig Fritz
