Schöne Tourenwoche im Festsaal der Alpen - Bernina (2004)
Ich war ziemlich gespannt, wie sich die verschneiten Berge und vor allem die Gletscher in diesem Sommer zeigen würden. Die eigenen Beobachtungen und Erlebnisse aus dem letzten Jahr, die anhaltende Flut der Berichte über die veränderte Bergwelt nahezu den ganzen Winter nachzulesen in allen alpinen Zeitschriften, haben die Planung für den aktuellen Bergsommer in ein anderes Licht gerückt. Zwar habe ich die Touren wie üblich vorbereitet, aber selbst Erfahrungen und Erinnerungen an frühere Begehungen, qualifizierte Tourenbeschreibungen in bewährten Führern, einschließlich der Angaben zur Dauer und Schwierigkeit von Touren, sind plötzlich mit einem größeren Unsicherheitsfaktor versehen. Viele Entscheidungen über den Zustand der Zustiege oder die Wegführung können erst vor Ort getroffen werden. Ich war gespannt, wie wir den „Tatort“ vorfinden würden.
Und er hat uns überrascht. Die Gletscher waren wieder sichtlich kleiner geworden. Nach Aussagen hiesiger Bergführer hat der Persfirn 2003 etwa 20 m an Mächtigkeit verloren. Doch zwei Wochen Schlechtwetter unmittelbar vor unserer Ankunft hatten eine Menge Schnee aufgetürmt, so dass sich die Berge in unschuldig und harmlos aussehende Hügel verwandelt hatten.

Zu unserem Glück kam pünktlich mit uns die Sonne ins Gebirge. Wir trafen uns, wie abgesprochen, auf dem Parkplatz der Diavolezza-Bahn kurz oberhalb von Pontresina: Andreas, Bernhard, Jens und ich. Die Hinfahrt war ohne Zwischenfälle verlaufen. Es war Wochenende und der Wetterbericht kündigte seit Tagen ein schönes Sommerwochenende an. Das hatten wohl auch andere mitbekommen, denn mit uns waren ganz, ganz viele Aspiranten auf der Hütte. Es stellte sich aber bald heraus, dass wir uns entgegen dem allgemeinen Trend bewegen wollten. Sonntag morgen spuckte die ausgebuchte Diavolezza-„Hütte“ jede Menge müde aber motivierte Bergsteiger aus, die sich zu 90% auf den Normalanstieg zum Piz Palü ergossen. Das führte zu Stop and Go im gesamten Aufstiegsweg und später am Tage zu Stau durch Gegenverkehr auf der einspurigen Trasse. Amüsiert und etwas schadenfroh schauten wir auf die Schlange. Anfangs behielten wir sie auch während unseres Aufstieges zum Piz Cambrena im Blick, doch schon bald waren wir mit den wechselnden Anforderungen unserer eigenen Route beschäftigt.
Abwechslung war angesagt, kombiniertes Gelände am Aufstiegsgrat und eine kurze Steileispassage an den Resten der Eisnase machten den Hinweg aus. Ein herrlicher Ausblick in die östliche Berninagruppe sorgte am Gipfel für ein weit nach oben ausgeschlagenes Stimmungsbarometer. Unser Rundblick zeigte uns die möglichen Ziele der kommenden Tage. Der Rückweg führte zum Piz d’Arlas hinauf und über dessen NW-Grat in teilweise ausgesetzter Gratkletterei hinab zur Diavolezzahütte. Entspannt saßen wir dann auf der herrlichen Hüttenterrasse, probierten das merkwürdige Zwickelbier und suchten mit den Augen immer wieder ungläubig die nicht zu vermutende Aufstiegslinie zum Piz Cambrena, der wir morgens gefolgt waren.

Am folgenden Tag kamen wir schon besser aus den Federn und in die Ausrüstung, bogen bei besten Bedingungen in die Normalroute zum Piz Palü ein und erreichten ohne Schwierigkeiten und bei herrlichstem Wetter den Hauptgipfel. Von Westen sahen wir dicke Wolkenbänder, die unterwegs in unsere Richtung waren. Von einer Überschreitung nahmen wir deshalb Abstand und begaben uns direkt wieder nach unten. Der abendliche Wetterbericht war nicht sehr optimistisch, aber auch nicht entschieden schlecht, sodass der für den nächsten Tag geplante Aufstieg zur Marco e Rosa-Hütte vorerst bestehen blieb.
Morgens waren wir dann auch nicht sonderlich über den leichten Regen und den böigen Wind überrascht. Eher skeptisch-trotzig ging es dann über den Gletscher in Richtung Fortezzagrat. Nach einer Stunde waren wir schon mal richtig eingeweicht, aber immer noch nicht weich. Einige Seilschaften kamen uns entgegen und u.a. hörten wir den Kommentar „…morgen ist auch noch ein Tag“. Wir probierten noch den ersten Grataufschwung, sahen dann aber die Gelegenheit zur Umkehr gekommen und begannen auch den Rückzug. Es gab nun noch zu entscheiden, ob wir zur Diavolezza zurück oder alternativ die Boval-Hütte aufsuchen sollten. Letztere liegt zwar einige Meter tiefer im Tal, dafür versprach der Hüttenwechsel aber Abwechslung, und die hatten wir irgendwie nötig. Um es vorweg zu nehmen, wir haben den Aufenthalt auf der Boval in sehr schöner Erinnerung behalten: nette Leute in schöner Umgebung arbeiten und erholen sich in entspannter Atmosphäre. Wir waren so froh, dort angekommen zu sein, dass wir uns gleich auf einen Ruhetag einigten, sozusagen um Hütte und Umgebung richtig zu nutzen.

Das kleine Regengebiet zog zu unserer Erleichterung und zur Überraschung vieler Wetterpropheten über Nacht von dannen, dass uns aber der nächste Morgen so hell und sonnig begrüßen würde, haben wir nicht erwartet. Vielleicht lag es auch nur an der Uhrzeit, denn erstmals seit 4 Tagen sind wir nicht in aller Frühe aus den Schlafsäcken gekrochen, um im Dunkel den Weg zu suchen, sondern haben uns ohne Hektik zum zweiten Frühstück wecken lassen. Herrlich ausgeruht und verköstigt kann man natürlich Berge versetzen oder zumindest besteigen. An diesem Tag blieb es aber beim darüber reden. Wir fanden eine wunderschöne Stelle oberhalb der Hütte, legten uns auf die warmen Steine und genossen den Blick in die beeindruckende Gletscherlandschaft, die sich rund um den Piz Palü aufbaut, und zogen gedanklich neue Spuren in den Schnee. Pünktlich zum Kuchen waren wir wieder auf der Terrasse zu finden und nur die nahen Kletterfelsen bewegten uns noch mal zum losziehen. Früh am Donnerstag ging es dann den bereits bekannten Pfad nach oben, vorbei am gestrigen Picknickplatz und immer weiter auf die Felsstufe zu, die uns von der Fuorcla Boval und unserem Ziel, dem Piz Morteratsch, trennte. Bei herrlichstem Wetter machte die einfache Kletterei durch die ca. 200 m mächtige Wandstufe sehr viel Spaß, wir kamen schnell voran und waren schon nach kurzer Zeit in der Scharte. Zur Abwechslung ging es dann noch ca. 1 1/2 Stunden über den Gletscher und gerade als man keine Lust mehr zum Weitergehen hatte, tauchten die Gipfelfelsen auf. Die Mühen des Aufstieges waren wie weggeblasen, der Blick vom Gipfel, insbesondere die Aussicht auf den Biancograt, hielten uns lange gefangen. Über eine Stunde blieben wir in der Mittagsonne sitzen und hätten auch noch länger ausgehalten, wenn uns nicht die Zeit zum Rückkehren gedrängt hätte. Der Abstiegsweg war zwar identisch mit dem Aufstieg, Langeweile kam aber nicht auf. Im Gegenteil, die Anforderungen waren andere: Der Felsriegel musste auch noch im Abstieg bewältigt werden. Wir konnten uns Zeit lassen und genossen die kurzen Kletterpassagen bis zum Ausstieg und dann ging es im Eiltempo zu den Feierabendbieren.

Und schon war auch die Tourenwoche wieder herum. Ein kurzweiliger Abstieg ins Tal und noch ein paar Kilometer mit der Berninabahn und wir waren wieder am Auto. Inzwischen haben wir gemeinsam die Bilder betrachtet, haben wunderbar zusammen gegessen (Danke Jens!) und vielleicht auch schon ein paar Pläne gemacht?! Bis bald in den Bergen oder am Fels oder beim Wein.
Euer Lutz
